Württemberg Krätzchen für den Fahrer Burkhard in der 6. Batterie des FAR 29
Das Krätzchen war eine charakteristische Kopfbedeckung der deutschen Artillerie im späten 19. Jahrhundert, die vor der Einführung moderner Feldmützen getragen wurde. Dieses besondere Exemplar aus dem Königreich Württemberg repräsentiert die militärische Uniformierung der süddeutschen Staaten innerhalb des Deutschen Kaiserreichs und bietet einen faszinierenden Einblick in die militärische Alltagskultur der wilhelminischen Ära.
Das 2. Württembergische Feldartillerie-Regiment Nr. 29 wurde am 1. Oktober 1867 in Ludwigsburg aufgestellt und trug den Ehrennamen “Prinz-Regent Luitpold von Bayern”. Diese Namensgebung spiegelte die dynastischen Verbindungen zwischen den süddeutschen Königshäusern wider. Das Regiment war in Ludwigsburg stationiert, einer Stadt mit langer militärischer Tradition, die als wichtiger Garnisonsstandort des Königreichs Württemberg diente.
Die Uniformierung der württembergischen Artillerie unterschied sich in Details von der preußischen und anderer deutscher Bundesstaaten. Das dunkelblaue Tuch entsprach der traditionellen Waffenfarbe der Artillerie, während die roten Vorstöße die württembergische Besonderheit darstellten. Der schwarze Mützenbund war ebenfalls charakteristisch für die Artillerietruppe. Diese Farbkombination ermöglichte es, die Truppengattung und die regionale Zugehörigkeit auf den ersten Blick zu erkennen.
Ein besonders bedeutendes Detail ist das Fehlen der Reichskokarde, die erst 1897 als zusätzliches Element eingeführt wurde. Vor diesem Datum trugen württembergische Soldaten ausschließlich die württembergische Kokarde in den Landesfarben Schwarz und Rot. Die Einführung der Reichskokarde im Jahr 1897 war Teil der Bemühungen, die Einheit des Deutschen Reiches auch symbolisch zu verstärken, wobei die Einzelstaaten ihre regionalen Kennzeichen behielten. Die kombinierte Anordnung beider Kokarden wurde zum Standard bis zum Ende der Monarchie 1918.
Der Hersteller G. Maisch aus der Seestraße in Ludwigsburg war einer der lokalen Zulieferer für Militärbedarf. In der Garnisonsstadt Ludwigsburg existierte ein ganzer Wirtschaftszweig, der sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Uniformteilen und militärischer Ausrüstung spezialisiert hatte. Diese Firmen arbeiteten oft über Jahrzehnte mit den örtlichen Regimentern zusammen und fertigten sowohl Dienstkleidung als auch private Anschaffungen für Offiziere und Mannschaften.
Das Trägeretikett identifiziert den ursprünglichen Besitzer als Fahrer Burkhard der 6. Batterie. In der Artillerieorganisation des Kaiserreichs war jedes Regiment in mehrere Batterien unterteilt, typischerweise sechs bis acht Einheiten. Die Fahrer bildeten eine essenzielle Komponente der Artillerie, da sie für die Bespannung und den Transport der Geschütze verantwortlich waren. Diese Aufgabe erforderte besondere Fertigkeiten im Umgang mit Pferden und gehörte zu den anspruchsvollen Tätigkeiten innerhalb der Waffengattung.
Die Datierung um 1890 platziert dieses Krätzchen in eine Phase relativer Stabilität des Deutschen Kaiserreichs. Nach den Reichsgründungskriegen 1864-1871 befand sich das Reich in einer längeren Friedensperiode, während der die Armee modernisiert und professionalisiert wurde. Die 1890er Jahre waren geprägt von der Weiterentwicklung der Artillerietechnik, einschließlich der Einführung neuer Geschütztypen und verbesserter Munition.
Das Krätzchen als Kopfbedeckungstyp hatte seinen Ursprung in der praktischen Notwendigkeit einer bequemen Mütze für den Kasernendienst und nicht-zeremonielle Anlässe. Im Gegensatz zur steifen Pickelhaube oder zum Tschako war das Krätzchen leicht, bequem und kostengünstig. Es wurde typischerweise im Innendienst, bei Arbeiten in der Kaserne oder bei weniger formellen Gelegenheiten getragen.
Die Größenangabe 53 entspricht dem deutschen Hutgrößensystem, das den Kopfumfang in Zentimetern angibt. Dies war eine Standardisierung, die im 19. Jahrhundert eingeführt wurde und die Massenproduktion von Kopfbedeckungen erleichterte.
Solche persönlichen Ausrüstungsgegenstände waren oft Eigentumsstücke der Soldaten, was bedeutet, dass sie privat angeschafft wurden und nicht zur offiziellen Armeeausrüstung gehörten. Dies erklärt auch die individuelle Beschriftung und die Verwendung kommerzieller Hersteller außerhalb der militärischen Zeughäuser.
Das Fehlen des Schweißleders ist bei Objekten dieses Alters nicht ungewöhnlich. Das Schweißleder, ein Lederband im Inneren der Mütze, diente dem Tragekomfort und dem Schutz des Stoffes vor Schweiß. Als organisches Material ist es besonders anfällig für Zersetzung über die Jahrzehnte.
Dieser militärische Kopfschmuck dokumentiert nicht nur die Uniformgeschichte, sondern auch die soziale Organisation der kaiserlichen Armee. Die präzise Kennzeichnung mit Name, Batterie und Regiment ermöglichte eine klare Identifikation und spiegelt die strenge hierarchische Ordnung des Militärwesens wider. Heute sind solche personalisierten Stücke besonders wertvolle historische Dokumente, da sie konkrete Verbindungen zu individuellen Soldaten und deren Dienstzeit herstellen.