Deutsches Reich 1. Weltkrieg/Vorläufige Reichswehr/Freikorps Schützenschnur Infanterie 1. Stufe
Die Schützenschnur der deutschen Infanterie stellt eines der traditionsreichsten militärischen Auszeichnungssysteme dar, das die Schießfertigkeit von Soldaten würdigte. Das vorliegende Exemplar einer Schützenschnur 1. Stufe aus der Übergangszeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Vorläufigen Reichswehr bzw. den Freikorps (um 1918/19) dokumentiert eine bewegte Periode der deutschen Militärgeschichte.
Die Schützenschnur wurde im Königreich Preußen bereits im 19. Jahrhundert eingeführt und entwickelte sich zu einem wichtigen Element der soldatischen Auszeichnungen. Durch die Allerhöchste Kabinetts-Order vom 14. August 1895 wurde das System der Schützenschnüre für die preußische Armee offiziell geregelt. Die Auszeichnung wurde in verschiedenen Stufen verliehen, wobei die erste Stufe die grundlegende Qualifikation darstellte. Die höheren Stufen (2. bis 12. Stufe) waren durch zusätzliche Eicheln oder spezielle Kennzeichnungen erkennbar.
Das charakteristische steingraue Geflecht dieser Schützenschnur entspricht den Regularien der späten Kaiserzeit und der Übergangsperiode. Während frühere Versionen oft in anderen Farben gefertigt wurden, setzte sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs zunehmend die feldgraue bzw. steingraue Farbgebung durch, die besser zur Felduniform passte und weniger auffällig war. Die anhängende Eichel kennzeichnet die erste Stufe und wurde traditionell aus Metall oder textilem Material gefertigt.
Die historische Bedeutung dieses Stücks liegt in seiner Entstehungszeit um 1918/19. Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 und dem Ende des Kaiserreichs befand sich Deutschland in einer Phase politischer und militärischer Umwälzungen. Die alte Kaiserliche Armee wurde aufgelöst, während gleichzeitig die Vorläufige Reichswehr aufgestellt wurde. Parallel dazu entstanden zahlreiche Freikorps, die in den inneren Unruhen der Nachkriegszeit eine bedeutende Rolle spielten.
Die Freikorps waren paramilitärische Verbände, die sich aus ehemaligen Frontsoldaten, Offizieren und Freiwilligen zusammensetzten. Sie wurden sowohl zur Grenzsicherung im Osten als auch zur Niederschlagung kommunistischer Aufstände im Inneren eingesetzt. Bekannte Freikorps waren unter anderem das Freikorps Maercker, die Brigade Ehrhardt und das Freikorps von Epp. Diese Verbände übernahmen häufig Traditionen, Abzeichen und Auszeichnungssysteme der kaiserlichen Armee, darunter auch die Schützenschnur.
Die Vorläufige Reichswehr, die am 6. März 1919 durch Erlass geschaffen wurde, stellte die Übergangsformation zwischen der kaiserlichen Armee und der späteren Reichswehr des Versailler Vertrags dar. Auch in dieser Formation wurden bewährte Auszeichnungen wie die Schützenschnur weiterverwendet, um die Kontinuität militärischer Traditionen zu wahren und die Schießausbildung zu fördern.
Der Erwerb einer Schützenschnur erforderte das Bestehen strenger Schießprüfungen. Für die Infanterie mussten die Soldaten ihre Treffsicherheit mit dem Gewehr 98 unter verschiedenen Bedingungen unter Beweis stellen. Die Prüfungen umfassten das Schießen auf unterschiedliche Distanzen, sowohl im Liegen als auch im Stehen oder Knien. Nur wer die vorgeschriebenen Mindestpunktzahlen erreichte, durfte die Schützenschnur tragen.
Die Trageweise der Schützenschnur war genau geregelt: Sie wurde an der rechten Schulter befestigt und verlief diagonal über die Brust, wo sie am zweiten oder dritten Knopf der Uniform angebracht wurde. Die Eichel hing dabei frei herab. Diese auffällige Trageweise machte die Auszeichnung weithin sichtbar und diente als Zeichen besonderer soldatischer Fähigkeiten.
Nach der Gründung der Reichswehr im Jahr 1921, die durch den Versailler Vertrag auf 100.000 Mann begrenzt wurde, wurde das System der Schützenschnüre zunächst beibehalten, später jedoch modifiziert. Die traditionellen Elemente blieben jedoch weitgehend erhalten, was die Bedeutung dieser Auszeichnung für die militärische Identität unterstreicht.
Das vorliegende Exemplar in Zustand 2 zeigt die typischen Gebrauchsspuren einer getragenen Auszeichnung aus dieser turbulenten Epoche. Es dokumentiert nicht nur die militärische Tradition der Schießausbildung, sondern auch die Kontinuität militärischer Symbole während eines tiefgreifenden politischen Umbruchs. Solche Objekte sind heute wichtige Zeugnisse für die Erforschung der deutschen Militärgeschichte im Übergang von der Monarchie zur Republik.