Preußen Ehrenmedaille " Militärische Kameradschaft für Bargteheide und Umgebung 1888 "
Die Ehrenmedaille der Militärischen Kameradschaft für Bargteheide und Umgebung, gegründet 1888, repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Veteranenkultur im späten Kaiserreich. Diese Auszeichnung steht exemplarisch für das weitverzweigte Netz militärischer Vereinigungen, die nach der Reichsgründung 1871 in Preußen und dem gesamten Deutschen Reich entstanden.
Historischer Kontext der Militärischen Kameradschaften
Nach den Einigungskriegen von 1864 bis 1871 kehrten Hunderttausende Soldaten in ihre Heimatorte zurück. Die Erfahrungen des Krieges und der gemeinsame Dienst unter den Waffen schufen ein starkes Bedürfnis nach fortgesetzter Kameradschaft. In dieser Atmosphäre entstanden überall im Reich Militär- und Kriegervereine, die mehrere Funktionen erfüllten: Sie dienten der Pflege soldatischer Traditionen, der gegenseitigen Unterstützung der Veteranen und ihrer Familien sowie der Aufrechterhaltung militärischer Tugenden in der Zivilgesellschaft.
Bargteheide und seine militärische Tradition
Bargteheide, eine Kleinstadt in Holstein, gehörte seit 1867 zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Die Gründung der Militärischen Kameradschaft im Jahr 1888 fiel in eine Zeit intensiver nationaler Konsolidierung unter Kaiser Wilhelm I. und später Wilhelm II. Die Stadt lag in einer Region, die erst kürzlich durch den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und den Deutschen Krieg von 1866 in den preußischen Staatsverband integriert worden war.
Die lokalen Kameradschaften in kleineren Gemeinden wie Bargteheide umfassten typischerweise Veteranen verschiedener Regimenter, die in der Umgebung lebten. Sie organisierten regelmäßige Treffen, Gedenkveranstaltungen, Paraden zu nationalen Feiertagen und unterstützten bedürftige Kameraden und deren Witwen.
Ehrenmedaillen und Vereinsabzeichen
Die Verleihung von Ehrenmedaillen durch Militärvereine war eine verbreitete Praxis im Kaiserreich. Diese Auszeichnungen waren keine staatlichen Orden, sondern vereinsinterne Ehrungen, die für besondere Verdienste um die Kameradschaft verliehen wurden. Typische Anlässe waren:
- Langjährige Mitgliedschaft (oft 25 oder 40 Jahre)
- Besondere Dienste für den Verein
- Organisatorische Leistungen
- Finanzielle Unterstützung des Vereins
Die Medaillen wurden meist von lokalen Goldschmieden oder spezialisierten Manufakturen hergestellt. Sie zeigten häufig patriotische Symbole wie den preußischen Adler, Eichenlaub, gekreuzte Schwerter oder die Kaiserkrone. Die Inschrift nannte den Namen der Kameradschaft und häufig das Gründungsjahr.
Trageweise und Band
Diese Medaille wurde am Band getragen, was der üblichen Praxis bei Vereinsauszeichnungen entsprach. Die Farben der Bänder variierten je nach Verein, orientierten sich aber häufig an den preußischen Landesfarben (schwarz-weiß) oder den Reichsfarben (schwarz-weiß-rot). Die Medaillen wurden zu besonderen Anlässen an der Zivilkleidung oder an der Veteranenuniform getragen, sofern der Träger eine solche besaß.
Gesellschaftliche Bedeutung
Die Militärvereine spielten im wilhelminischen Deutschland eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Sie waren Träger einer stark ausgeprägten Militärkultur und trugen zur Militarisierung der Gesellschaft bei. Gleichzeitig boten sie soziale Sicherheit in einer Zeit, in der staatliche Wohlfahrtssysteme noch rudimentär waren. Die Vereine organisierten Unterstützungskassen, halfen bei der Arbeitssuche und kümmerten sich um Kriegswaisen.
Das Ende der Tradition
Die Militärvereine des Kaiserreichs erlebten ihren Höhepunkt bis 1914. Der Erste Weltkrieg veränderte die Veteranenlandschaft grundlegend. Nach 1918 wurden viele dieser Organisationen in der Weimarer Republik fortgeführt, oft mit veränderter Ausrichtung. Die Tradition der Ehrenmedaillen lebte in modifizierter Form weiter, bis die Nationalsozialisten die Veteranenvereine gleichschalteten. Nach 1945 wurden in der Bundesrepublik neue Formen der Veteranenorganisation geschaffen, die sich deutlich von den kaiserzeitlichen Kameradschaften unterschieden.
Sammlerwert und historische Bedeutung
Heute sind solche Vereinsmedaillen wichtige Zeugnisse der Alltagsgeschichte des Kaiserreichs. Sie dokumentieren lokale Geschichte und das Leben der “kleinen Leute” jenseits der großen Politik. Für Sammler und Historiker bieten sie Einblicke in die Organisationsstrukturen, die ästhetischen Vorstellungen und die Werteordnung der wilhelminischen Gesellschaft.