Bayern Raupenhelm Modell 1868 für einen Reserve-Offizier der Infanterie 

Um 1870/80. Lederhelm, komplett mit allen Beschlägen in feuervergoldeter Ausführung. Vorne das Emblem für den Reserve-Offizier, der Stern mit der gekrönten Chiffre «L». Schwarzer Lacklederriemen seitlich an Löwenkopfaufhängungen. Links über dem Löwenkopf die Kokarde «♔L». Große originale Bärenfellraupe. Innen mit braunem Lederschweißband und "goldenem" Seidenfutter, der Vorderschirm grün und der Nackenschirm rot gefüttert. Größe ca. 56. Zustand 2.

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1.950,00

Bayern Raupenhelm Modell 1868 für einen Reserve-Offizier der Infanterie 

Der bayerische Raupenhelm Modell 1868 für Reserve-Offiziere der Infanterie repräsentiert eine bedeutende Epoche der deutschen Militärgeschichte während der Zeit der deutschen Einigungskriege und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Diese charakteristische Kopfbedeckung verkörpert die militärische Tradition des Königreichs Bayern und dessen besondere Stellung innerhalb des deutschen Bundes.

Nach der Heeresreform von 1868 führte das Königreich Bayern unter König Ludwig II. neue Uniformvorschriften ein, die auch die Gestaltung der Offiziershelme umfassten. Der Raupenhelm, so benannt nach dem charakteristischen Helmbusch aus Bärenfell (der sogenannten “Raupe”), ersetzte frühere Helmmodelle und sollte bis in die 1880er Jahre im Gebrauch bleiben. Die Einführung erfolgte in einer Zeit tiefgreifender militärischer Veränderungen, als Bayern sich auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 vorbereitete und schließlich als Teil der süddeutschen Staaten an der Seite Preußens kämpfte.

Die Konstruktion des Helms folgte präzisen militärischen Vorschriften. Der Lederkörper wurde aus hochwertigem, gepresstem Leder gefertigt, das speziell behandelt wurde, um Haltbarkeit und Form zu gewährleisten. Die feuervergoldeten Beschläge waren Reserve-Offizieren vorbehalten und unterschieden sie deutlich von den Helmen der aktiven Offiziere, die häufig versilberte Beschläge trugen. Diese Differenzierung war Teil des komplexen Systems militärischer Rangabzeichen im bayerischen Heer.

Das zentrale Emblem auf der Vorderseite zeigt den charakteristischen Stern mit der gekrönten Chiffre “L” für König Ludwig II., der von 1864 bis 1886 regierte. Dieses königliche Monogramm symbolisierte die persönliche Bindung der Offiziere an den bayerischen Monarchen und unterstrich die Treue zum Wittelsbacher Herrscherhaus. Die Kokarde über dem linken Löwenkopf, ebenfalls mit dem königlichen “L”, verstärkte diese Loyalitätsbekundung.

Die Löwenkopfaufhängungen für die schwarzen Lacklederriemen waren ein besonders aufwendiges Detail. Der Löwe als heraldisches Symbol Bayerns unterstrich die regionale Identität innerhalb des deutschen Militärwesens. Diese Riemen dienten nicht nur der Befestigung des Helms, sondern waren auch Ausdruck militärischer Ästhetik der Zeit.

Die Bärenfellraupe als Helmbusch stellte das auffälligste und kostspieligste Element dar. Echtes Bärenfell wurde bevorzugt, was die Helme zu teuren Ausrüstungsgegenständen machte. Die Raupe verlieh den Trägern zusätzliche Körpergröße und sollte einschüchternd auf den Gegner wirken – ein Konzept, das aus der Tradition der Grenadiermützen des 18. Jahrhunderts stammte.

Das Innenfutter mit braunem Lederschweißband und goldfarbenem Seidenfutter entsprach dem Status eines Offiziers. Die verschiedenfarbigen Schirmfutterungen – grün am Vorderschirm und rot am Nackenschirm – folgten den spezifischen bayerischen Vorschriften und unterschieden sich von den Regelungen anderer deutscher Staaten. Diese Details waren in den Adjustierungsvorschriften des bayerischen Kriegsministeriums genau festgelegt.

Reserve-Offiziere spielten eine entscheidende Rolle im militärischen System des 19. Jahrhunderts. Sie waren zumeist Angehörige des Bürgertums, die ihre militärische Ausbildung absolviert und einen Offiziersrang erworben hatten, aber im Zivilleben anderen Berufen nachgingen. Im Kriegsfall wurden sie eingezogen und übernahmen Führungspositionen. Ihre Uniformen und Ausrüstungsgegenstände mussten sie selbst finanzieren, was den Raupenhelm zu einer bedeutenden Investition machte.

Die Verwendungszeit dieser Helmvariante war relativ kurz. Bereits in den 1880er Jahren begann die Ablösung durch praktischere Kopfbedeckungen. Die prachtvollen Raupenhelme wurden zunehmend nur noch zu Paradezwecken getragen, während für den Felddienst einfachere Helme und schließlich Tschakos bevorzugt wurden. Mit der Einführung der neuen Uniformordnung von 1886 unter Prinzregent Luitpold verloren diese Helme ihre offizielle Bedeutung.

Heute sind gut erhaltene Exemplare des bayerischen Raupenhelms Modell 1868 begehrte Sammlerobjekte und wichtige Zeugnisse der Militärgeschichte. Sie dokumentieren nicht nur die Handwerkskunst und die ästhetischen Vorstellungen ihrer Zeit, sondern auch die soziale Struktur des Militärwesens und die besondere Rolle Bayerns im deutschen Nationalstaat. Die Helme befinden sich in bedeutenden Museen und privaten Sammlungen und tragen zum Verständnis der Epoche zwischen deutscher Einigung und Erstem Weltkrieg bei.