Preußen 1. Weltkrieg Pickelhaube für Sergeanten (Schutzmänner) der königlichen Schutzmannschaft in den Mediatstädten

Kammerstück 1915. Lederhelm, komplett mit allen Beschlägen in neusilberner Ausführung. Das Helmemblem mit dem großen gekrönten «W», Ledersturmriemen an Knopf 91, rechts die preußische Kokarde in Mannschaftsausführung, die Nackenschiene ohne Belüftungsschieber. Innen mit gelaschtem Lederfutter. Größe 54. Der Nackenschirm mit altem Kammerstempel «21.I.R.», in der Glocke der Stempel «241 B.[?] III. 1915». Vorne in der Glocke alt verschlossene Löcher, hinten in der Glocke unterhalb der Nackenschiene nachträglich Schlitz für die Belüftung eingefügt, die Nackenschiene selbst eine Eigenanfertigung aus der Tragezeit. Zustand 2.

Ein sehr interessantes Stück! Der Helm wurde von der Truppe an die Polizei abgegeben und von dieser an ihre Bedürfnisse angepasst.
469861
950,00

Preußen 1. Weltkrieg Pickelhaube für Sergeanten (Schutzmänner) der königlichen Schutzmannschaft in den Mediatstädten

Die preußische Pickelhaube für Sergeanten der königlichen Schutzmannschaft in den Mediatstädten repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Polizeigeschichte während des Ersten Weltkriegs. Dieses besondere Helmstück verkörpert die komplexen Beziehungen zwischen militärischer und ziviler Ordnungsmacht im Kaiserreich sowie die Materialknappheit der Kriegsjahre.

Die königliche Schutzmannschaft in Preußen war eine staatlich organisierte Polizeitruppe, die in den sogenannten Mediatstädten – Städten, die erst durch die Gebietsreformen des 19. Jahrhunderts zu Preußen gekommen waren – für Ordnung und Sicherheit sorgte. Diese Polizeikräfte unterschieden sich in ihrer Organisation und Ausstattung von den kommunalen Polizeikräften größerer Städte wie Berlin. Die Schutzmannschaften waren nach militärischem Vorbild organisiert, mit klaren Rangstrukturen und entsprechenden Uniformvorschriften.

Das vorliegende Exemplar stammt aus dem Jahr 1915, einem kritischen Zeitpunkt des Ersten Weltkriegs, als die Materialressourcen des Deutschen Reiches zunehmend knapp wurden. Die Beschaffung neuer Ausrüstung für zivile Behörden wurde schwieriger, was zu kreativen Lösungen führte. Der Kammerstempel 21.I.R. (21. Infanterie-Regiment) auf dem Nackenschirm belegt eindeutig, dass dieser Helm ursprünglich für militärische Zwecke gefertigt und bei einer Truppeneinheit gelagert wurde.

Die Beschläge in neusilberner Ausführung sind charakteristisch für Unteroffiziersränge. Während Mannschaften üblicherweise Helme mit Messingbeschlägen trugen, erhielten Unteroffiziere und höhere Dienstgrade die wertvolleren Neusilberbeschläge. Das Helmemblem mit dem großen gekrönten “W” steht für König Wilhelm II. von Preußen, der von 1888 bis 1918 als deutscher Kaiser und preußischer König regierte. Dieses Emblem war Standard für preußische Truppen und wurde auch von der Schutzmannschaft übernommen.

Besonders bemerkenswert ist die Anpassung des Helms von der militärischen zur polizeilichen Verwendung. Die ursprünglich vorhandenen Löcher vorne in der Glocke wurden verschlossen, vermutlich waren diese für militärische Abzeichen oder Befestigungen vorgesehen. Die Nackenschiene ohne Belüftungsschieber wurde durch eine nachträgliche Lösung ersetzt: Ein Schlitz für die Belüftung wurde unterhalb der Nackenschiene eingefügt, und die Nackenschiene selbst ist eine Eigenanfertigung aus der Tragezeit. Diese Modifikationen zeugen von der praktischen Notwendigkeit, vorhandene Ausrüstung an neue Verwendungszwecke anzupassen.

Der Ledersturmriemen an Knopf 91 entspricht der preußischen Heeresvorschrift und deutet auf die militärische Herkunft hin. Die rechte preußische Kokarde in Mannschaftsausführung blieb offenbar erhalten, was zeigt, dass nicht alle Elemente bei der Umwidmung ausgetauscht wurden. Die Helmgröße 54 entspricht einem mittleren Kopfumfang und war eine Standardgröße in der deutschen Militär- und Polizeiausrüstung.

Die Pickelhaube selbst hat eine lange Geschichte in der preußischen Tradition. Eingeführt 1842 unter König Friedrich Wilhelm IV., wurde sie zum Symbol preußischer und später deutscher Militärmacht. Ihre charakteristische Form mit dem Spitz (umgangssprachlich “Pickel”) sollte Schläge ablenken und den Träger größer erscheinen lassen. Bis 1916 blieb die Lederversion im Einsatz, bevor sie durch praktischere Stahlhelme ersetzt wurde.

Die Übergabe militärischer Ausrüstung an zivile Behörden war während des Krieges keine Seltenheit. Die Kriegswirtschaft erforderte eine effiziente Nutzung aller verfügbaren Ressourcen. Helme, die bei der Truppe ausgemustert oder überzählig waren, fanden so einen neuen Verwendungszweck bei der Polizei, Gendarmerie oder anderen staatlichen Organen. Dies erklärt auch die Existenz des Kammerstempels einer Infanterieeinheit auf einem Polizeihelm.

Die Schutzmannschaft in den Mediatstädten hatte während des Krieges besondere Bedeutung, da viele reguläre Polizeikräfte zum Militärdienst eingezogen wurden. Die verbliebenen Kräfte mussten die öffentliche Ordnung aufrechterhalten, was in Zeiten von Lebensmittelknappheit, Streiks und zunehmender sozialer Unruhe keine leichte Aufgabe war.

Dieses Helmexemplar ist somit nicht nur ein militärhistorisches Objekt, sondern auch ein Zeugnis der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Es dokumentiert die Ressourcenknappheit, die praktischen Anpassungen im Alltag der Behörden und die Verschmelzung militärischer und ziviler Strukturen in der Krisenzeit. Die handwerklichen Modifikationen zeigen zudem das Können und die Improvisationsfähigkeit der damaligen Zeit.