Waffen-SS - Originalunterschrift von SS-Hauptsturmführer Rolf d'Alquen
Der vorliegende Marschbefehl aus den letzten Kriegsmonaten des Zweiten Weltkriegs dokumentiert die komplexen Verbindungen zwischen militärischen Operationen und Propagandatätigkeit im nationalsozialistischen Deutschland. Das Dokument trägt die Unterschrift von SS-Hauptsturmführer Rolf d'Alquen, einer Schlüsselfigur in der SS-Propaganda, und wurde am 5. Februar 1945 ausgestellt – zu einem Zeitpunkt, als das Deutsche Reich bereits von allen Seiten unter massivem Druck stand.
Rolf d'Alquen (1910-1991) war eine zentrale Persönlichkeit im SS-Propagandaapparat. Bereits 1931 trat er der NSDAP bei und wurde später Chefredakteur des SS-Organs “Das Schwarze Korps”, einer wöchentlich erscheinenden Zeitung, die von 1935 bis 1945 als offizielles Publikationsorgan der SS diente. D'Alquen stieg innerhalb der SS-Hierarchie auf und wurde schließlich zum Leiter der SS-Standarte Kurt Eggers ernannt, einer Propagandaeinheit, die speziell für Kriegsberichterstattung und psychologische Kriegsführung zuständig war.
Der Marschbefehl bezieht sich auf die Feldpostnummer 21003, die der 10. SS-Panzer-Division “Frundsberg” zugeordnet war. Diese Division, benannt nach dem Landsknechtführer Georg von Frundsberg, wurde 1943 aufgestellt und kämpfte an verschiedenen Fronten, darunter in der Normandie und später an der Westfront. Im Februar 1945 befand sich die Division in schweren Abwehrkämpfen gegen die vorrückenden alliierten Truppen.
Die Ausstellung des Befehls durch d'Alquen in seiner Funktion als Stabsoffizier für Propagandaeinsatz im Oberkommando der Heeresgruppe G verdeutlicht die organisatorische Struktur der deutschen Streitkräfte in der Endphase des Krieges. Die Heeresgruppe G war zu diesem Zeitpunkt für die Verteidigung Südwestdeutschlands und des Elsass verantwortlich und stand unter dem Befehl von Generaloberst Johannes Blaskowitz.
Besonders bemerkenswert ist der Zweck des Marschbefehls: die Überführung von zwei SS-Sturmmännern nach Baden-Baden zur “Überbringung wichtigen Kuriermaterials” und zum Überspielen von Berichten für das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und die Wehrmachtpropaganda (Wpr.) im Auftrag des Reichspropagandaministeriums. Dies zeigt die komplexe Kommunikationsstruktur zwischen verschiedenen militärischen und zivilen Propagandastellen.
Der Marschbefehl als Dokumententyp war ein standardisiertes militärisches Formular, das Soldaten die Berechtigung zur Fortbewegung außerhalb ihrer Einheit erteilte. Solche Befehle mussten den genauen Zweck der Reise, die Route, die Dauer und die beteiligten Personen spezifizieren. In den chaotischen letzten Kriegsmonaten waren solche Dokumente besonders wichtig, um Desertion zu verhindern und die militärische Ordnung aufrechtzuerhalten.
Die Verwendung eines Kopierstifts für die Unterschrift war in der Wehrmacht und SS üblich. Kopierstifte, auch Tintenstifte genannt, enthielten wasserlösliche Farbstoffe, die das Anfertigen von Durchschlägen ermöglichten – ein wichtiges Merkmal für administrative Effizienz in einer Zeit vor Fotokopierern.
Der Februar 1945 markierte eine kritische Phase des Krieges. Die Ardennenoffensive war gescheitert, sowjetische Truppen standen an der Oder, und die westlichen Alliierten bereiteten sich auf den Rheinübergang vor. In diesem Kontext gewann die Propaganda noch einmal an Bedeutung, um die kämpfende Truppe und die Heimatfront bei der Stange zu halten. Das Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels intensivierte seine Bemühungen, den Durchhaltewillen zu stärken.
Die Tatsache, dass d'Alquen persönlich einen solchen Befehl für zwei niedrigrangige SS-Männer unterzeichnete, könnte auf die besondere Wichtigkeit der zu übermittelnden Materialien hindeuten oder auf den Zusammenbruch regulärer Kommandostrukturen in dieser späten Kriegsphase. Baden-Baden als Zielort war zu dieser Zeit ein relativ sicherer Ort im rückwärtigen Gebiet, wo sich verschiedene Verwaltungs- und Propagandastellen befanden.
Nach dem Krieg wurde d'Alquen von den Alliierten interniert, aber nie wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Er arbeitete später als Journalist und blieb bis zu seinem Tod eine kontroverse Figur. Dokumente wie dieser Marschbefehl sind heute wichtige historische Quellen, die Einblick in die administrativen Abläufe und die Funktionsweise des NS-Regimes bis in seine letzten Tage geben.