Das vorliegende Werk von Dr. Dieter Storz behandelt einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Militärbewaffnung: den Übergang von Vorderladergewehren zu modernen Hinterladerwaffen mit Metallpatronen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Diese Epoche markiert den Beginn einer neuen Ära der Waffentechnik, die das Gesicht der Kriegsführung grundlegend verändern sollte.
Die Geschichte beginnt mit dem Werdergewehr, offiziell als Gewehr Modell 1869 bezeichnet, das vom bayerischen Königreich eingeführt wurde. Bayern nahm damit eine Vorreiterrolle in Deutschland ein und demonstrierte den Willen zur militärischen Modernisierung noch vor der Reichsgründung. Das Werdergewehr war ein Fallblockverschluss-Gewehr im Kaliber 11 mm, das nach seinem Konstrukteur Johann Ludwig Werder benannt wurde. Diese Waffe stellte einen erheblichen Fortschritt gegenüber den noch weit verbreiteten Perkussionsvorderladergewehren dar, auch wenn sie technisch bereits bei ihrer Einführung von den Repetiergewehren überholt wurde.
Nach der deutschen Reichsgründung 1871 stand die neue Nation vor der Herausforderung, ihre verschiedenen Kontingente mit einer einheitlichen Bewaffnung auszustatten. Das Gewehr Modell 1871, auch Mauser-Infanteriegewehr M/71 genannt, wurde zur Standardwaffe des deutschen Heeres. Entwickelt von den Gebrüdern Mauser in Oberndorf, basierte es auf dem Prinzip des Drehzylinderverschlusses und verschoss die 11×60mmR-Schwarzpulverpatrone. Die Einführung dieses Gewehrs bedeutete einen wichtigen Schritt zur Standardisierung der Bewaffnung im gesamten Deutschen Reich.
Das M/71 erwies sich als robuste und zuverlässige Waffe, doch die rasante Entwicklung der Waffentechnik in den 1870er und 1880er Jahren machte bald Verbesserungen notwendig. Andere europäische Mächte führten Repetiergewehre ein, die eine deutlich höhere Feuergeschwindigkeit ermöglichten. Die Antwort des Deutschen Reiches war das Gewehr Modell 1871/84, eine Weiterentwicklung des M/71 mit einem unter dem Lauf angebrachten Röhrenmagazin nach dem System des Ingenieurs Alfred von Kropatschek. Diese Modifikation ermöglichte es, acht Patronen zu laden, was die Feuerkraft erheblich steigerte, ohne eine völlig neue Waffe einführen zu müssen.
Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang den Chassepot-Gewehren zu, die erstmals umfassend im deutschen Kontext dargestellt werden. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erbeutete das deutsche Heer große Mengen französischer Chassepot-Gewehre Modell 1866, die für Hilfstruppen und zur Ausbildung eingesetzt wurden. Diese Waffen, benannt nach ihrem Erfinder Antoine Alphonse Chassepot, verwendeten ebenfalls Papierpatronen mit Zündnadelzündung und stellten eine interessante Übergangsphase in der deutschen Bewaffnung dar.
Die behandelte Epoche ist charakterisiert durch die Verwendung von Schwarzpulver als Treibladung. Schwarzpulver erzeugte bei der Verbrennung erhebliche Rauchmengen, was auf dem Gefechtsfeld zu Sichtproblemen führte und die Position der Schützen verriet. Zudem waren die Geschosse relativ langsam und schwer. Erst mit der Einführung des rauchlosen Pulvers in den 1880er Jahren sollte sich dies grundlegend ändern.
Das Kaliber 11 mm war typisch für diese Übergangszeit. Die großkalibrigen Geschosse hatten eine erhebliche Aufschlagwirkung, waren aber auch schwer, was die Anzahl der mitführbaren Patronen limitierte. Die Metallpatronenhülsen aus Messing stellten gegenüber den früheren Papierpatronen einen enormen Fortschritt dar: Sie dichteten die Verschlüsse besser ab, waren wetterunempfindlicher und ermöglichten höhere Verschlussdrücke.
Die militärische Bedeutung dieser Waffen kann nicht überschätzt werden. Sie waren im Einsatz während der kolonialen Konflikte in Afrika und Asien, bei der Niederschlagung innerer Unruhen und bei militärischen Manövern. Die Ausrüstung und Ausbildung der Soldaten an diesen Waffen prägte eine ganze Generation von Militärangehörigen.
Das Werk von Dr. Storz basiert auf umfangreichen Archivstudien und der Untersuchung zahlreicher Originalwaffen aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Es räumt mit vielen Legenden und Fehlinformationen auf, die sich im Laufe der Zeit um diese Waffen gerankt haben. Mit über 900 Abbildungen, darunter zeitgenössische Fotografien, Dokumentenreproduktionen und Detailaufnahmen erhaltener Waffen, bietet es eine umfassende Dokumentation dieser wichtigen Phase der deutschen Militärgeschichte.
Die Darstellung endet mit dem allmählichen Ausscheiden dieser Waffen aus dem aktiven Dienst, als sie durch die moderneren Gewehre mit rauchlosem Pulver und kleinerem Kaliber ersetzt wurden. Viele dieser Waffen wurden jedoch noch jahrzehntelang als Reservewaffen gelagert oder an verbündete Staaten abgegeben. Sie markieren das Ende einer Ära und den Beginn der modernen Infanteriebewaffnung, die bis ins 20. Jahrhundert hinein prägend bleiben sollte.