Deutsches Reich 1871-1918 Großer Mettlach Wandteller mit dem Sinnspruch «Gutes Recht findt allzeit Knecht»
Der Mettlacher Wandteller aus dem Jahre 1893 repräsentiert eine bedeutende Tradition deutscher Keramikkunst im späten 19. Jahrhundert und verbindet dabei historische Motive mit zeitgenössischem Kunsthandwerk. Die Villeroy & Boch Manufaktur in Mettlach, einem kleinen Ort im Saarland, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem der führenden Produzenten hochwertiger Keramikwaren in Deutschland und Europa.
Die Darstellung des Landsknechtes auf diesem Teller verweist auf eine militärhistorische Epoche, die für das deutsche Nationalbewusstsein des Kaiserreichs von besonderer Bedeutung war. Landsknechte waren zwischen dem späten 15. und dem frühen 17. Jahrhundert die dominierenden Söldnertruppen des Heiligen Römischen Reiches. Kaiser Maximilian I. (1459-1519) gilt als ihr eigentlicher Begründer, der diese Truppen nach dem Vorbild der gefürchteten Schweizer Reisläufer aufstellte. Die Landsknechte zeichneten sich durch ihre charakteristische, farbenfrohe Kleidung, ihre Bewaffnung mit Langspießen und Zweihandschwertern sowie durch ihre straffe militärische Organisation aus.
Der Sinnspruch “Gutes Recht findt allzeit Knecht” spiegelt eine mittelalterliche Rechtsauffassung wider, die im späten 19. Jahrhundert romantisch verklärt wurde. Diese Inschrift suggeriert, dass eine gerechte Sache stets Verteidiger finden wird – ein Gedanke, der sowohl in die Zeit der Landsknechte als auch in die wilhelminische Ära passte, in der militärische Tugenden und nationale Stärke besonders betont wurden.
Die Mettlacher Manufaktur hatte sich seit der Übernahme durch die Familie Boch im Jahr 1809 und der späteren Fusion mit Villeroy im Jahr 1836 zu einem industriellen Großbetrieb entwickelt. Besonders bekannt wurde Mettlach für seine Steinzeugwaren und die innovative Chromolithographie-Technik, die es ermöglichte, mehrfarbige Dekore auf Keramik zu übertragen. In den 1880er und 1890er Jahren erlebte die Produktion dekorativer Wandteller und Ziergefäße einen Höhepunkt, wobei historisierende Motive besonders beliebt waren.
Im Kontext des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) erfüllten solche Dekorationsobjekte mehrere kulturelle Funktionen. Sie dienten nicht nur als Ausdruck bürgerlichen Wohlstands, sondern auch als Medium der Geschichtsvermittlung und nationalen Identitätsbildung. Die Rückbesinnung auf die Landsknechtszeit passte in das historistische Programm der wilhelminischen Ära, die eine direkte Kontinuität zwischen mittelalterlicher und zeitgenössischer deutscher Größe konstruieren wollte.
Die Rückseite des Tellers trägt die charakteristische Mettlacher Marke, die typischerweise aus einem Stempel mit dem Merkurstab, der Jahreszahl und einer Modellnummer bestand. Diese systematische Kennzeichnung ermöglicht heute eine präzise Datierung und Zuordnung der Stücke. Das Jahr 1893 fällt in eine Zeit relativer Stabilität im Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II., der erst 1888 den Thron bestiegen hatte.
Technisch gesehen zeigt der Teller die hohe Qualität der Mettlacher Produktion. Der Durchmesser von etwa 36,5 cm macht ihn zu einem imposanten Schaustück, das typischerweise in repräsentativen Räumen bürgerlicher Haushalte präsentiert wurde. Die farbige Gestaltung der Keramik erfolgte durch die für Mettlach charakteristischen Unterglasurfarben, die durch den Brand dauerhaft fixiert wurden und ihre Leuchtkraft bis heute bewahrt haben.
Sammler und Kunsthistoriker schätzen Mettlacher Arbeiten heute als wichtige Zeugnisse der angewandten Kunst des Historismus. Die Manufaktur beschäftigte hervorragende Entwerfer und Künstler, die traditionelle Motive mit zeitgenössischen Gestaltungsprinzipien verbanden. Die Produktion umfasste neben Wandtellern auch Bierkrüge, Vasen, Fliesen und architektonische Keramik, die in ganz Europa und darüber hinaus Absatz fanden.
Die militärhistorische Ikonographie auf Gebrauchsgegenständen und Dekorationsobjekten war im Kaiserreich weit verbreitet und spiegelte die zentrale Rolle des Militärs in der Gesellschaft wider. Solche Objekte trugen zur Popularisierung militärischer Werte und historischer Narrative bei, die das kollektive Geschichtsbewusstsein der Zeit prägten.