Preußen Waffenrock für Mannschaften im 1. Garde-Regiment zu Fuß

Standort Berlin. Eigentumsstück um 1910. Dunkelblauer Rock mit rotem Stehkragen und roten Ärmelaufschlägen "schwedischer" Form, beide mit weißen Gardelitzen, die Knopfleiste mit rotem Vorstoß, vernickelte Knöpfe. auf den Schultern eingenäht die weißen Schulterklappen mit Knöpfen der 10. Kompanie. Innen mit weißem Futter. Im Futter mit nachträglichen ergänzten Kammerstempeln (nach 1945! ). Zustand 2.

An original private issued tunic, inside the regimental markings are post-war !
485364
1.450,00

Preußen Waffenrock für Mannschaften im 1. Garde-Regiment zu Fuß

Der hier beschriebene Waffenrock für Mannschaften des 1. Garde-Regiments zu Fuß repräsentiert ein herausragendes Beispiel preußischer Militärkleidung aus der späten Kaiserzeit. Dieses um 1910 gefertigte Uniformstück verkörpert nicht nur die militärische Pracht der wilhelminischen Ära, sondern auch die jahrhundertelange Tradition eines der elitärsten Regimenter der preußischen Armee.

Das 1. Garde-Regiment zu Fuß wurde 1806 unter König Friedrich Wilhelm III. gegründet und war in Berlin stationiert. Als Teil der preußischen Gardetruppen genoss dieses Regiment höchstes Prestige und stellte besondere Anforderungen an seine Soldaten hinsichtlich Größe, Kondition und militärischer Haltung. Die Garde-Regimenter dienten nicht nur als militärische Elite, sondern auch als repräsentative Truppen bei Staatsempfängen und zeremoniellen Anlässen.

Der dunkelblaue Waffenrock mit seinem charakteristischen roten Kragen und den roten Ärmelaufschlägen in “schwedischer” Form folgte präzisen Uniformvorschriften, die in der Adjustierungsverordnung festgelegt waren. Die schwedischen Aufschläge, eine spezielle Form der Ärmelgestaltung, waren ein traditionelles Erkennungsmerkmal verschiedener preußischer Infanterieregimenter. Die dunkelblau-rote Farbkombination war typisch für die preußische Infanterie und hatte ihre Wurzeln in der Uniformreform unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen im 18. Jahrhundert.

Ein besonders charakteristisches Merkmal dieses Waffenrocks sind die weißen Gardelitzen am Kragen und an den Ärmelaufschlägen. Diese speziellen Borten waren das Privileg und Erkennungszeichen der preußischen Garde-Einheiten und unterschieden sie von der regulären Linieninfanterie. Die Litzen wurden in einem komplizierten Muster angebracht und waren ein Symbol für die Elitestellung der Garde innerhalb der preußischen Armee.

Die vernickelten Knöpfe und der rote Besatz an der Knopfleiste entsprechen ebenfalls den Vorschriften für Mannschaftsdienstgrade. Die Schulterklappen in Weiß mit den Knöpfen der 10. Kompanie ermöglichen eine präzise Zuordnung des Trägers innerhalb der Regimentsstruktur. Preußische Infanterieregimenter waren üblicherweise in zwölf Kompanien gegliedert, wobei jede Kompanie durch spezifische Nummern auf den Schulterklappen gekennzeichnet war.

Der Begriff “Eigentumsstück” ist von besonderer Bedeutung. Anders als bei den vom Staat gestellten Ausrüstungsgegenständen handelte es sich hier um ein privat beschafftes Kleidungsstück. Während Offiziere ihre Uniformen grundsätzlich selbst beschaffen mussten, konnten auch Mannschaftsdienstgrade für bestimmte Anlässe oder aus persönlichem Stolz bessere Qualitätsstücke anfertigen lassen. Diese privat beschafften Uniformen waren oft von höherer Qualität als die Staatsausgabe und zeigten die Verbundenheit des Soldaten mit seiner Einheit.

Das weiße Innenfutter entsprach dem Standard für preußische Waffenröcke und bot zusätzlichen Tragekomfort. Die Verarbeitung und Materialqualität solcher Uniformstücke waren streng reglementiert, und nur zugelassene Militärschneider durften sie anfertigen.

Von besonderem Interesse ist der Hinweis auf die nachträglich ergänzten Kammerstempel im Futter, die nach 1945 angebracht wurden. Dies ist ein häufiges Phänomen bei militärischen Sammlerstücken. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele originale preußische und deutsche Militaria gesammelt, gehandelt und manchmal auch mit zusätzlichen oder gefälschten Markierungen versehen, um ihren scheinbaren Wert zu erhöhen oder ihre Provenienz zu dokumentieren. Diese Praxis macht die Authentifizierung solcher Objekte zu einer komplexen Aufgabe für Sammler und Historiker.

Die Zeit um 1910, in der dieses Stück gefertigt wurde, war eine Periode intensiver militärischer Aufrüstung und wachsender Spannungen in Europa. Das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. verfolgte eine ehrgeizige Außen- und Rüstungspolitik. Die prächtigen Uniformen der Garde-Regimenter symbolisierten die Macht und den Anspruch des Kaiserreichs, während sie gleichzeitig an eine jahrhundertealte preußische Militärtradition anknüpften.

Der Waffenrock dieses Typs blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 im Dienst, wurde dann aber schnell durch feldgraue, praktischere Uniformen ersetzt. Die bunten, traditionellen Uniformen erwiesen sich als ungeeignet für die moderne Kriegsführung und wurden nur noch für Paraden und zeremonielle Zwecke verwendet.

Heute sind solche Originalstücke wichtige historische Zeugnisse, die nicht nur militärgeschichtlich, sondern auch textilgeschichtlich und sozialhistorisch von Bedeutung sind. Sie dokumentieren Handwerkskunst, militärische Organisation und die repräsentative Kultur des preußisch-deutschen Militarismus vor dem Ersten Weltkrieg.

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