III. Reich - Das hunderttürmige Prag - Die alte Kaiserstadt an der Moldau - Raumbildalbum

München, Raumbild-Verlag Schönstein, 1943, gebundene Ausgabe, Halbleineneinband, 115 Seiten, 100 Raumbilder, mit Brille, Zustand 2.
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III. Reich - Das hunderttürmige Prag - Die alte Kaiserstadt an der Moldau - Raumbildalbum

Das hunderttürmige Prag - Die alte Kaiserstadt an der Moldau: Ein Raumbildalbum aus dem Dritten Reich (1943)

Das vorliegende Raumbildalbum “Das hunderttürmige Prag - Die alte Kaiserstadt an der Moldau” wurde 1943 vom Raumbild-Verlag Otto Schönstein in München herausgegeben und stellt ein charakteristisches Beispiel der nationalsozialistischen Propaganda- und Kulturpolitik während des Zweiten Weltkriegs dar.

Historischer Kontext der Entstehung

Das Album entstand vier Jahre nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939. Nach dem Münchner Abkommen von 1938 und der anschließenden Zerschlagung der Rest-Tschechei proklamierte Adolf Hitler am 15. März 1939 das Protektorat Böhmen und Mähren. Prag wurde zur Residenz des Reichsprotektors, zunächst unter Konstantin von Neurath, später unter dem berüchtigten Reinhard Heydrich und nach dessen Ermordung 1942 unter Kurt Daluege und Wilhelm Frick.

Die Veröffentlichung im Jahr 1943 fiel in eine Zeit, in der das Deutsche Reich bereits militärische Rückschläge erlitten hatte - die Schlacht von Stalingrad war im Februar 1943 verloren gegangen. Dennoch setzte die NS-Propaganda ihre Bemühungen fort, die deutschen “kulturellen Errungenschaften” in den besetzten Gebieten zu dokumentieren und zu legitimieren.

Die Raumbildtechnologie

Die stereoskopische Fotografie oder Raumbildfotografie war eine Technologie, die bereits im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und in den 1920er bis 1940er Jahren eine Blütezeit erlebte. Das Verfahren basiert auf dem Prinzip des binokularen Sehens: Zwei leicht versetzte Bilder werden gleichzeitig betrachtet, wobei jedes Auge nur ein Bild sieht. Das Gehirn fusioniert diese Bilder zu einem dreidimensionalen Eindruck.

Der Raumbild-Verlag Schönstein war einer der führenden deutschen Verlage für stereoskopische Publikationen. Die mitgelieferte Betrachtungsbrille ermöglichte es dem Betrachter, die 100 Raumbilder plastisch zu erleben. Diese Technologie wurde sowohl für touristische als auch für propagandistische Zwecke genutzt, da sie eine besonders intensive und “realistische” Betrachtungserfahrung bot.

Inhaltliche und propagandistische Ausrichtung

Der Titel “Das hunderttürmige Prag” bezieht sich auf die traditionelle poetische Bezeichnung der Stadt, die ihre reiche architektonische Geschichte mit zahlreichen Kirchtürmen, Palästen und historischen Gebäuden hervorhebt. Die Betonung als “alte Kaiserstadt” war jedoch nicht zufällig gewählt. Sie verwies auf die Zugehörigkeit Prags zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und insbesondere auf die Bedeutung der Stadt unter Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert.

Diese historische Rahmung diente der NS-Propaganda dazu, die deutsche Herrschaft über Böhmen und Mähren als historisch legitimiert darzustellen. Die Betonung der “deutschen” Vergangenheit Prags sollte die gegenwärtige Besatzung als Wiederherstellung einer natürlichen Ordnung erscheinen lassen. Die tschechische nationale Identität und die jahrhundertelange eigenständige Entwicklung der Stadt wurden dabei bewusst ausgeklammert oder marginalisiert.

Publikationskontext und Verbreitung

Solche Raumbildalben waren während des Dritten Reichs beliebte Publikationen, die sowohl für die Heimatfront als auch für Soldaten produziert wurden. Sie dienten mehreren Zwecken: der touristischen Information, der kulturellen Bildung und nicht zuletzt der ideologischen Indoktrination. Die qualitativ hochwertige Ausstattung mit Halbleineneinband und 115 Seiten sowie die beigefügte Spezialbrille machten das Album zu einem relativ kostspieligen Produkt, das sich vermutlich an ein bildungsbürgerliches Publikum richtete.

Der Raumbild-Verlag Schönstein in München produzierte während der NS-Zeit zahlreiche ähnliche Werke über deutsche Städte, Landschaften und eroberte Gebiete. Diese Publikationen waren Teil einer umfassenden visuellen Kultur, die das nationalsozialistische Weltbild transportierte und festigte.

Die Situation in Prag 1943

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Prag eine Stadt unter strenger deutscher Kontrolle. Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich im Mai 1942 und den darauf folgenden brutalen Vergeltungsmaßnahmen, einschließlich der Auslöschung der Dörfer Lidice und Ležáky, herrschte eine Atmosphäre der Unterdrückung. Die tschechische Bevölkerung litt unter Repressionen, während die jüdische Gemeinde Prags bereits weitgehend deportiert worden war.

Das idyllische Bild, das das Raumbildalbum vermittelte, stand in krassem Gegensatz zur Realität der Besatzung. Die Darstellung Prags als friedliche, kulturreiche “Kaiserstadt” verschleierte die zeitgenössischen Verbrechen und diente der Erzeugung eines falschen Bildes von Normalität und kultureller Kontinuität.

Sammlerwert und historische Bedeutung

Heute sind solche Raumbildalben aus der NS-Zeit wichtige historische Dokumente, die Einblick in die Propaganda- und Kulturtechniken des Dritten Reichs geben. Sie dokumentieren, wie visuelle Medien zur Legitimierung von Besatzung und zur Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung eingesetzt wurden. Für Historiker, Sammler militärischer Antiquitäten und Forscher der Propagandageschichte bieten sie wertvolles Quellenmaterial zur Analyse der NS-Ideologie und ihrer Vermittlungsstrategien.