Die Erinnerungsmedaille "Denn wir fahren gegen Engelland" stellt ein bemerkenswertes Beispiel der nationalsozialistischen Propagandakunst und Erinnerungskultur während des Zweiten Weltkriegs dar. Diese als Meissener Böttgermedaille hergestellte Plakette mit einem Durchmesser von 51 mm dokumentiert den Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940, als deutsche Truppen in die neutralen Niederlande und Belgien einmarschierten.
Die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen, weltberühmt für ihre hochwertigen Porzellanerzeugnisse seit 1710, wurde während der NS-Zeit zur Herstellung propagandistischer Gedenkobjekte herangezogen. Das sogenannte Böttgersteinzeug, benannt nach Johann Friedrich Böttger, dem Erfinder des europäischen Porzellans, zeichnet sich durch seine charakteristische rotbraune Färbung und hohe Festigkeit aus. Diese Materialeigenschaft machte es ideal für die Herstellung dauerhafter Erinnerungsmedaillen.
Die Ikonographie der Medaille ist höchst aufschlussreich: Die Darstellung eines Wikingerschiffs in Kombination mit einem Adler verweist auf mehrere propagandistische Narrative des NS-Regimes. Das Wikingerschiff evoziert germanische Seefahrertraditionen und die historischen Überfälle nordischer Krieger auf die britischen Inseln, während der Adler sowohl das Hoheitszeichen des Deutschen Reiches als auch ein Symbol für Macht und Überlegenheit darstellt. Der Titel "Denn wir fahren gegen Engelland" bezieht sich auf ein populäres Propagandalied jener Zeit, das den geplanten Angriff auf Großbritannien verherrlichte.
Der 10. Mai 1940 markierte den Beginn des Unternehmens "Fall Gelb", der deutschen Offensive im Westen. An diesem Morgen um 5:35 Uhr überschritten Wehrmacht-Einheiten die Grenzen zu den Niederlanden, Belgien und Luxemburg, während gleichzeitig die französische Grenze angegriffen wurde. Diese Invasion neutraler Staaten stellte einen eklatanten Bruch des Völkerrechts dar. Die deutsche Strategie basierte auf dem Sichelschnitt-Plan, der von Generalleutnant Erich von Manstein entwickelt wurde und einen überraschenden Panzervorstoß durch die Ardennen vorsah.
Der Blitzkrieg gegen die Niederlande dauerte nur fünf Tage und endete mit der Kapitulation am 15. Mai 1940, nachdem Rotterdam durch deutsche Luftangriffe schwer zerstört worden war. Belgien kapitulierte am 28. Mai 1940. Die französische Armee und das britische Expeditionskorps wurden bis zum Ärmelkanal zurückgedrängt, was zur dramatischen Evakuierung von Dünkirchen (Operation Dynamo) zwischen dem 26. Mai und 4. Juni 1940 führte, bei der etwa 338.000 alliierte Soldaten gerettet wurden.
Die Produktion solcher Erinnerungsmedaillen diente mehreren Zwecken im nationalsozialistischen Propagandasystem. Sie sollten militärische Erfolge feiern, den Kriegseinsatz glorifizieren und eine Verbindung zwischen der Heimatfront und den kämpfenden Truppen herstellen. Gleichzeitig wurden sie als Sammlerobjekte vermarktet, um die öffentliche Unterstützung für den Krieg zu stärken und eine Kultur des militärischen Triumphes zu schaffen.
Die Meissener Manufaktur produzierte während der NS-Zeit verschiedene propagandistische Objekte, obwohl dies einen deutlichen Kontrast zu ihrer traditionellen Ausrichtung auf künstlerisch hochwertige Luxusgüter darstellte. Nach 1933 wurde die Manufaktur zunehmend in den Dienst der staatlichen Propaganda gestellt, obwohl die künstlerische Qualität der Arbeiten oft bemerkenswert hoch blieb.
Der Text "Feldzug in Holland und Belgien" auf der Medaille ist besonders bezeichnend, da er den euphemistischen Sprachgebrauch des Regimes widerspiegelt. Die Invasion neutraler Staaten wird als "Feldzug" bezeichnet, während die völkerrechtswidrige Aggression verschleiert wird. Die NS-Propaganda rechtfertigte den Angriff mit der Behauptung, man sei einer bevorstehenden britisch-französischen Invasion zuvorgekommen, eine Darstellung, die historisch nicht haltbar ist.
Heute sind solche Objekte wichtige historische Quellen für das Verständnis der NS-Propagandamaschinerie und der Erinnerungskultur im Dritten Reich. Sie dokumentieren, wie das Regime versuchte, militärische Aggressionen durch ästhetisch ansprechende Gedenkobjekte zu legitimieren und eine positive Erinnerung an völkerrechtswidrige Handlungen zu schaffen. Sammler und Historiker betrachten diese Objekte als Zeugnisse einer dunklen Periode der deutschen Geschichte, deren kritische Aufarbeitung von wesentlicher Bedeutung bleibt.