Das vorliegende Werk von Laurent Mirouze und Stéphane Dekerle stellt eine monumentale Dokumentation der französischen Armee zu Beginn des Ersten Weltkriegs dar. Mit über 500 originalen Artefakten und etwa 1.000 Fotografien auf 528 Seiten bietet dieses Buch einen beispiellosen Einblick in die Ausrüstung, Uniformierung und das Erscheinungsbild der französischen Streitkräfte im entscheidenden Moment der Mobilmachung im August 1914.
Die französische Armee betrat den Ersten Weltkrieg in einer Uniform, die heute als Symbol für den Kontrast zwischen militärischer Tradition und moderner Kriegsführung gilt. Die charakteristischen roten Hosen (pantalon garance) und die dunkelblauen Waffenröcke repräsentierten eine Kontinuität, die bis in die napoleonische Zeit zurückreichte. Diese farbenfrohe Bekleidung, die in den Schlachten von 1914 getragen wurde, erwies sich jedoch als fatal in einer Zeit, in der Maschinengewehre und moderne Artillerie das Schlachtfeld beherrschten. Die leuchtenden Farben machten französische Soldaten zu leichten Zielen und trugen zu den verheerenden Verlusten der ersten Kriegsmonate bei.
Das Buch dokumentiert nicht nur die Standarduniformen der Infanterie, sondern auch die außergewöhnliche Vielfalt der französischen Streitkräfte. Besonders bemerkenswert ist die Darstellung der L'Armée d'Afrique, jener Truppen, die in Nordafrika stationiert waren und deren Uniformen orientalische Einflüsse aufwiesen. Die Zuaven, Turcos (algerische Tirailleurs) und Spahis trugen farbenfrohe, von nordafrikanischen und orientalischen Traditionen inspirierte Uniformen. Die Zuaven waren besonders bekannt für ihre weiten roten Hosen, kurzen blauen Jacken und den charakteristischen Fes oder Chéchia.
Die Fremdenlegion (Légion Étrangère), eine weitere im Buch ausführlich behandelte Formation, trug ihre eigene distinktive Uniform mit dem berühmten weißen Képi blanc, obwohl dieser zu Kriegsbeginn noch nicht standardmäßig eingeführt war. Die Legionäre trugen 1914 noch die gleichen blauen Waffenröcke und roten Hosen wie die reguläre Infanterie, ergänzt durch spezifische Abzeichen und Traditionen.
Ein besonderer Wert des Buches liegt in der Dokumentation vollständiger Ausrüstungssätze. Die französische Infanterie von 1914 trug das Modèle 1893 Lederzeug, bestehend aus Patronentaschen, Brotbeutel, Feldflasche und Tornister. Die Bewaffnung umfasste das Lebel-Gewehr Modèle 1886, das erste rauchschwache Pulvergewehr, das von einer europäischen Armee in großem Umfang eingeführt wurde. Das charakteristische Bajonett mit seiner langen, schmalen Klinge war ein weiteres Erkennungsmerkmal des französischen Soldaten.
Die Kavallerie wird im Buch mit besonderer Ausführlichkeit behandelt, einschließlich der Sattelausrüstung und Zaumzeuge. 1914 verfügte Frankreich noch über bedeutende Kavallerieverbände, darunter Kürassiere, Dragoner, Chasseurs à cheval und die bereits erwähnten Spahis. Die Kürassiere trugen noch immer ihre traditionellen Kürasse (Brustpanzer) aus Stahl, die sich gegen moderne Geschosse als weitgehend wirkungslos erwiesen.
Die im Buch enthaltenen Autochrome-Fotografien sind von unschätzbarem historischem Wert. Das Autochrome-Verfahren, 1903 von den Brüdern Lumière entwickelt, war das erste praktikable Farbfotografieverfahren. Diese frühen Farbaufnahmen vermitteln ein authentisches Bild der tatsächlichen Farben und des Erscheinungsbildes der französischen Truppen – etwas, das Schwarzweißfotografien niemals leisten können.
Die Schlacht an der Marne (September 1914), die im Buch als zeitlicher Endpunkt dient, war der erste große Wendepunkt des Krieges. Die französische Armee, noch in ihren traditionellen Uniformen, half dabei, den deutschen Vormarsch auf Paris zu stoppen. Die schrecklichen Verluste dieser ersten Kriegsmonate – Frankreich erlitt allein im August 1914 etwa 75.000 Tote – führten zu einem radikalen Umdenken in Bezug auf Uniformierung und Taktik.
Die Artefakte aus dem Musée de l'Armée in Paris und dem Museum in Salon-de-Provence (L'Empérie) bilden den Kern der Sammlung. Viele dieser Objekte werden zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Besonders bewegend ist das Beispiel der vollständigen Ausrüstung eines Kolonialsoldaten, bei dem jedes einzelne Stück die persönliche Registrierungsnummer des Soldaten trägt – eine eindringliche Erinnerung daran, dass hinter jedem Artefakt ein individuelles menschliches Schicksal steht.
Das angekündigte zweite Volumen wird die dramatische Transformation der französischen Uniformierung dokumentieren, insbesondere die Einführung der horizontblauen (bleu horizon) Uniform ab Ende 1914 und ihre Standardisierung 1915. Diese neue Uniform, in einem hellen Grau-Blau gehalten, sollte zum Symbol des französischen Poilu werden und wurde während der gesamten Schlacht von Verdun (1916) und bis zum Kriegsende getragen. Diese Entwicklung repräsentiert einen fundamentalen Wandel in der militärischen Denkweise – die Akzeptanz, dass Tarnung und praktische Erwägungen wichtiger waren als tradition elle Prachtentfaltung.