Lineol - Heer Sanitätssoldat einen Verwundeten tragend
Die Lineol-Figur eines Heer-Sanitätssoldaten, der einen Verwundeten trägt, repräsentiert ein faszinierendes Zeugnis der deutschen Spielzeugherstellung der 1930er und frühen 1940er Jahre. Mit einer Höhe von 7,5 cm gehört diese Figur zur Standard-Größenklasse der Lineol-Masseproduktion, die das Unternehmen weltberühmt machte.
Die Firma Lineol wurde 1906 von Oskar Wiederholt in Brandenburg an der Havel gegründet und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Hersteller von Massefiguren. Der Firmenname setzte sich aus den Worten “Linie” und “Elastolin” zusammen, wobei letzteres auf das verwendete Material hinwies – eine Masse aus Kasein, Kreide, Leim und anderen Zusätzen, die auf einen Drahtgestell modelliert wurde. Diese Technik erlaubte detailreichere und robustere Figuren als die konkurrierenden Bleisoldaten.
Die Darstellung von Sanitätspersonal der Wehrmacht in Spielzeugform spiegelt die Bedeutung des militärischen Sanitätswesens in der deutschen Armee wider. Das Sanitätswesen des Heeres war streng organisiert und gliederte sich in verschiedene Ebenen: vom Sanitäter in der Kompanie über Truppenverbandplätze bis zu Feldlazaretten. Die Sanitätssoldaten trugen die reguläre feldgraue Uniform mit charakteristischen Kennzeichnungen: dem weißen Ärmelband mit rotem Kreuz sowie besonderen Abzeichen, die ihre Zugehörigkeit zum Sanitätsdienst markierten.
Das Genfer Abkommen von 1929 regelte den Schutz von Sanitätspersonal im Kriegsfall. Sanitätssoldaten sollten als nicht-kämpfende Personen behandelt und respektiert werden. Die Realität des Zweiten Weltkriegs sah jedoch oft anders aus. Die Sanitäter der Wehrmacht leisteten unter schwierigsten Bedingungen Dienst, bargen Verwundete unter Feuer und versorgten sie unter primitivsten Umständen.
Die Ausbildung der Sanitätssoldaten umfasste medizinische Grundkenntnisse, Erste Hilfe, Verwundetentransport und -bergung sowie die Kenntnis der militärischen Organisation. Sie wurden mit spezieller Ausrüstung versehen: Sanitätstasche, Verbandpäckchen, Tragbahren und manchmal auch leichte Waffen zur Selbstverteidigung, obwohl dies völkerrechtlich problematisch war.
Die Lineol-Figur zeigt typischerweise einen Soldaten in feldgrauer Uniform, der einen verwundeten Kameraden trägt – vermutlich im sogenannten “Rettungsgriff” oder über der Schulter. Diese Darstellung war in der Spielzeugproduktion beliebt, da sie den humanitären Aspekt des Militärs betonte und Eltern ein “akzeptableres” Spielzeug für ihre Kinder bot als reine Kampfszenen.
Die Produktionszeit dieser Figuren lässt sich hauptsächlich auf die Jahre 1935 bis 1943 eingrenzen. Nach 1943 wurde die Spielzeugproduktion zunehmend eingeschränkt, da Materialien und Arbeitskräfte für die Kriegsproduktion benötigt wurden. Lineol stellte während des Krieges auch Militärausrüstung her und wurde nach 1945 zunächst von den Alliierten geschlossen.
Der Zustand “2/2-” weist auf eine gut erhaltene Figur hin mit leichten Gebrauchsspuren, aber ohne größere Beschädigungen. Die Massefiguren waren durchaus robust, litten jedoch unter Feuchtigkeit, die das kaseinbasierte Material aufquellen ließ, sowie unter mechanischer Beanspruchung, die zu Brüchen an den Drahtgestellen führen konnte.
Sammlerwert und historische Bedeutung dieser Figuren sind heute beträchtlich. Sie dokumentieren nicht nur die Spielzeugkultur der NS-Zeit, sondern auch die Militarisierung der Gesellschaft und die Indoktrination der Jugend. Gleichzeitig zeigen sie die handwerkliche Qualität deutscher Spielzeugherstellung. Lineol-Figuren werden heute von Sammlern weltweit geschätzt, wobei Sanitätsfiguren aufgrund ihrer relativen Seltenheit besonders gesucht sind.
Die historische Einordnung solcher Objekte erfordert differenzierte Betrachtung: Sie sind Zeitzeugnisse einer dunklen Epoche, aber auch Dokumente der Alltagskultur und Sozialgeschichte. Museen und Sammler bewahren sie als Teil des kulturellen Erbes und als Anschauungsmaterial für die Beschäftigung mit der Geschichte.