Diese beiden Fotoalben dokumentieren die bemerkenswerte Marinekarriere eines deutschen Marinesoldaten während der entscheidenden Übergangszeit von der Reichsmarine zur Kriegsmarine in den 1920er und 1930er Jahren. Die Sammlung bietet einen einzigartigen persönlichen Einblick in das tägliche Leben, die militärischen Übungen und die bedeutenden historischen Ereignisse dieser Epoche der deutschen Seekriegsgeschichte.
Das erste Album dokumentiert den Dienst auf dem Artillerie-Tender M 108 “Drache”, einem Spezialschiff der Reichsmarine. Artillerie-Tender waren kleinere Kriegsschiffe, die hauptsächlich zur Ausbildung und Unterstützung der Küstenartillerie sowie zur Zieldarstellung bei Schießübungen eingesetzt wurden. Nach dem Vertrag von Versailles von 1919 war Deutschland stark in seiner Marinekapazität eingeschränkt, und solche Hilfsschiffe spielten eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung maritimer Fähigkeiten innerhalb der auferlegten Grenzen.
Die fotografische Dokumentation zeigt bemerkenswerte historische Momente, darunter den Besuch des spanischen Königs auf dem Kreuzer “Berlin”, was die fortlaufenden diplomatischen Beziehungen der Weimarer Republik widerspiegelt. Die Präsenz von Reichspräsident Paul von Hindenburg und Admiral Erich Raeder bei verschiedenen Marineveranstaltungen unterstreicht die politische Bedeutung der Marine in dieser Zeit. Raeder, der von 1928 bis 1943 Oberbefehlshaber der Reichsmarine und später der Kriegsmarine war, spielte eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau der deutschen Seestreitkräfte.
Das zweite, umfangreichere Album konzentriert sich auf den Dienst an Bord des leichten Kreuzers “Königsberg”, eines der modernsten Kriegsschiffe seiner Zeit. Die erste “Königsberg” der Königsberg-Klasse wurde am 26. März 1927 vom Stapel gelassen und am 17. April 1929 in Dienst gestellt. Mit einer Verdrängung von etwa 6.650 Tonnen und einer Bewaffnung von neun 15-cm-Geschützen in drei Drillingstürmen repräsentierte sie die erste Generation deutscher Kreuzer nach dem Ersten Weltkrieg.
Die umfangreiche Fotosammlung von etwa 500 Bildern dokumentiert das Leben an Bord zwischen 1931 und 1935, eine Zeit intensiver Ausbildung und zahlreicher Auslandsreisen. Die Norwegenfahrt 1931, der Stockholmbesuch im Sommer 1932, die Englandreise 1934 und die Estlandreise 1934 waren Teil der “Flagge zeigen”-Missionen, die die diplomatische Rolle der Reichsmarine unterstrichen. Diese Goodwill-Besuche dienten nicht nur der Ausbildung der Besatzungen, sondern auch der Präsentation der neuen deutschen Kriegsschiffe im Ausland.
Besonders bemerkenswert sind die dokumentierten Besuche hochrangiger Persönlichkeiten: Hindenburg auf der Kommandobrücke, ein chinesisches Prinzenpaar, die SA (Sturmabteilung) und Generalfeldmarschall August von Mackensen, ein berühmter Militärführer aus dem Ersten Weltkrieg. Diese Besuche zeigen, wie die Marine als Repräsentationsinstrument des Staates diente, besonders nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933.
Die militärisch-technischen Aspekte sind ebenfalls gut dokumentiert: Torpedoübungen, Flakgeschütze im Einsatz, Herbstmanöver, Schießübungen und die Versenkung der Urne von Admiral Harder auf See – eine traditionelle Zeremonie zur Ehrung verstorbener Marineoffiziere. Die Fotografien zeigen auch die Werftliegezeit 1933-1934, während der umfangreiche Wartungsarbeiten durchgeführt wurden.
Die beiden beigelegten Urkunden bezeugen die persönlichen Leistungen des Albumbesitzers. Die Artilleriewaffenpreis-Urkunde und die Ehrenurkunde für die Schießauszeichnung 1. Grades aus dem Schießjahr 1932/33 dokumentieren die hohe Schießleistung der Besatzung, ein zentraler Aspekt der militärischen Bewertung von Kriegsschiffen.
Die Alben dokumentieren auch den Wandel von der Reichsmarine zur Kriegsmarine, der offiziell am 1. Juni 1935 mit dem Erlass des Wehrgesetzes vollzogen wurde. Die Präsenz von SA-Angehörigen an Bord und die zunehmende Militarisierung der deutschen Außenpolitik sind in den späteren Fotografien deutlich erkennbar. Die Bilder der Panzerschiffe “Deutschland” und “Admiral Scheer”, die als “Taschenschlachtschiffe” internationale Aufmerksamkeit erregten, sowie die U-Boot-Flottille im Hafen zeigen den Beginn der massiven Aufrüstung der deutschen Marine.
Diese persönlichen Fotoalben sind wertvolle historische Quellen, die nicht nur militärische Aspekte dokumentieren, sondern auch das soziale Leben an Bord, Hafenbesuche, sportliche Aktivitäten und den Alltag der Marinesoldaten. Sie bieten einen authentischen Blick auf eine marine Epoche, die Deutschland vom besiegten Ersten Weltkrieg zum Beginn der aggressiven Expansionspolitik führte, die schließlich im Zweiten Weltkrieg gipfelte.