Eulenburgs kleine Partitur-Ausgabe No.403 - SCHUBERT Unvollendete Symphonie H-moll - Si mineur - B minor,
Diese Partitur-Ausgabe von Franz Schuberts berühmter Unvollendeter Symphonie in h-moll (Symphonie Nr. 8) aus dem Verlag Eulenburgs kleine Partitur-Ausgabe trägt den Stempel der Reichsschule für Jungen und stellt ein faszinierendes Zeugnis der kulturellen und militärischen Erziehung im Dritten Reich dar.
Die Reichsschulen waren ab 1933 Teil des nationalsozialistischen Bildungssystems und dienten der ideologischen Formung der deutschen Jugend. Diese Eliteschulen, offiziell als Nationalpolitische Erziehungsanstalten (Napola) bezeichnet, sollten zukünftige Führungskräfte für Partei, Staat und Wehrmacht ausbilden. Der Lehrplan kombinierte intensive körperliche Ausbildung, militärische Drill und - interessanterweise - auch kulturelle Bildung, einschließlich Musik.
Die Verwendung von Schuberts Symphonie in diesem Kontext ist besonders bemerkenswert. Die Unvollendete Symphonie, komponiert im Oktober 1822, gilt als eines der bedeutendsten Werke der romantischen Musik. Schubert vollendete nur zwei Sätze dieser Symphonie, was sie zu einem der größten Rätsel der Musikgeschichte macht. Das Werk wurde erst 1865, 37 Jahre nach Schuberts Tod, uraufgeführt.
Die Eulenburg-Verlag war und ist einer der renommiertesten Herausgeber von Studienpartituren. Die Serie “Eulenburgs kleine Partitur-Ausgabe” wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und ermöglichte es Studenten, Dirigenten und Musikliebhabern, orchestrale Meisterwerke in handlichen, erschwinglichen Formaten zu studieren. Die Nummerierung (hier Nr. 403) war Teil des systematischen Katalogs des Verlags.
Im nationalsozialistischen Deutschland spielte Musik eine komplexe Rolle. Während das Regime bestimmte moderne und jüdische Komponisten verfemte, wurden deutsche romantische Komponisten wie Beethoven, Wagner und eben auch Schubert als Verkörperung des “deutschen Geistes” propagiert. Die Reichsschulen legten Wert auf klassische Bildung, um eine vermeintliche kulturelle Überlegenheit zu demonstrieren.
Der Musikunterricht in den Reichsschulen war streng geregelt. Die Schüler sollten nicht nur physisch, sondern auch kulturell geformt werden. Orchestermusik, Chorgesang und das Studium klassischer Kompositionen gehörten zum Curriculum. Die Anwesenheit dieser Partitur in einer solchen Einrichtung zeigt, dass selbst in militärisch ausgerichteten Erziehungsanstalten die Auseinandersetzung mit dem klassischen Musikerbe als wichtig erachtet wurde.
Diese kleinen Partituren waren praktische Arbeitsmittel. Mit ihren 64 Seiten waren sie kompakt genug für den täglichen Gebrauch im Unterricht. Schüler konnten damit die Orchestrierung studieren, verschiedene Instrumentengruppen analysieren und die Struktur symphonischer Werke verstehen. Die mehrsprachige Titelangabe (H-moll, Si mineur, B minor) entsprach der internationalen Praxis des Musikverlags und ermöglichte den Export dieser Ausgaben.
Der institutionelle Stempel auf diesem Exemplar macht es zu einem historischen Dokument, das über seine musikalische Bedeutung hinausgeht. Es dokumentiert die Materialkultur der NS-Erziehungseinrichtungen und zeigt, wie kulturelle Artefakte in den Dienst eines totalitären Systems gestellt wurden. Nach 1945 wurden viele dieser Schulen aufgelöst, und ihre Bestände wurden zerstreut.
Heute sind solche gestempelten Exemplare von historischem Interesse für Sammler und Forscher, die sich mit der Geschichte der NS-Zeit, der Musikpädagogik und der Rolle der Kultur im Dritten Reich beschäftigen. Sie erinnern daran, wie selbst die schönsten kulturellen Errungenschaften in problematische historische Kontexte eingebettet sein können und wie wichtig es ist, diese Geschichte kritisch zu reflektieren.