Unter den Relikten des Ersten Weltkriegs nehmen Objekte aus der deutschen Marineluftschifffahrt einen besonderen Platz ein. Das hier vorgestellte Steuerrad des Zeppelins L61 ist ein solches Stück von musealer Bedeutung – ein greifbares Zeugnis jener Ära, in der riesige Luftschiffe als strategische Waffe über den Schlachtfeldern und Städten Europas schwebten. Aus dem Nachlass seines letzten Kommandanten, Kapitänleutnant Heinz Bödecker, stammend, verbindet dieses Objekt technische Ingenieurskunst mit persönlicher Militärgeschichte.
Das Luftschiff L61 und die Klasse der “Höhenkletterer”
Das Luftschiff mit der taktischen Bezeichnung L61 und der Werksnummer LZ 106 wurde von der Luftschiffbau Zeppelin in Friedrichshafen gefertigt und hatte seine Erstfahrt am 12. Dezember 1917. Es gehörte zum sogenannten Typ V, einer Baureihe, die 1917/18 speziell für Einsätze in großen Höhen konzipiert wurde. Insgesamt wurden zehn Luftschiffe des Typs V gebaut: L53, L55, L56, L58, L60, L61, L62, L63, L64 und L65 (mit den Zeppelin-Werksnummern LZ 100, 101, 103, 105, 108, 106, 107, 110, 109 und 111). Für die Kaiserliche Marine bildeten sie die L53-Klasse, während sie von den Briten als “Height Climbers” – Höhenkletterer – bezeichnet wurden.
Der Hintergrund dieser technischen Entwicklung war dramatisch: Im Verlauf des Jahres 1917 war die deutsche Marineluftschiff-Abteilung bestrebt, die Initiative gegenüber den Briten zurückzugewinnen. Die verbesserte britische Flugabwehr und der Einsatz von Brandmunition bei Jagdflugzeugen hatten den Luftschiffangreifern schwere Verluste zugefügt. Ende 1916 war den Deutschen klar, dass sie in der Lage sein mussten, oberhalb von 16.000 Fuß und bis zu 20.000 Fuß Höhe zu operieren, um den Verteidigungsmaßnahmen zu entgehen. Der Typ V war die technische Antwort auf diese Herausforderung. L61 verfügte über ein Gasvolumen von 56.000 Kubikmetern.
Einsatzgeschichte
Während seiner Dienstzeit führte L61 insgesamt 9 Aufklärungsfahrten sowie 2 Angriffsfahrten gegen England durch. Bei diesen Angriffen wurden 4.500 kg Bomben abgeworfen. Zu den angegriffenen Zielen gehörten die Hochöfen bei Wigan nahe Liverpool. Stationiert war L61 während dieser Zeit in Ahlhorn, einem der wichtigen Luftschiffstützpunkte im Nordwesten Deutschlands.
Der erste Kommandant von L61 war Kapitänleutnant Ehrlich, der das Schiff von Dezember 1917 bis Mai 1918 führte. Ein Gruppenfoto vom September 1917 zeigt Marine-Zeppelin-Kommandanten, darunter Ehrlich, der zu diesem Zeitpunkt L 35 befehligte. Ab Mai 1918 übernahm Kapitänleutnant Heinz Bödecker das Kommando über L61 und behielt es bis November 1918, also bis zum Ende des Krieges.
Das Steuerrad – Technische Beschreibung
Das Steuerrad selbst ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Zeppelin-Fertigungstechnik. Es besteht aus massivem Aluminiumguss mit sechs Speichen, deren Enden mit Holzgriffen versehen sind. Das Metall trägt eine alte schwarze Lackierung, die noch zu etwa 50 Prozent erhalten ist. Der Gesamtdurchmesser beträgt circa 61,5 cm.
Besonders bedeutsam sind die Markierungen auf der Nabe. Auf der Vorderseite findet sich die Kennzeichnung “♔M L61 16184” – das gekrönte “M” steht dabei für die Kaiserliche Marine, gefolgt von der taktischen Bezeichnung des Luftschiffs und einer Seriennummer. Auf der Rückseite ist der Hersteller des Steuerrads vermerkt: “Fr. W. Bauer”.
Provenienz und Nachkriegsgeschichte
Die Provenienz dieses Steuerrads ist bemerkenswert klar. Nach Kriegsende wurde L61 außer Dienst gestellt. Es war ein übliches Vorgehen, dem ehemaligen Kommandanten bei der Außerdienststellung oder Abwrackung eines Luftschiffes das Steuerrad als Erinnerungsstück zu überreichen. So gelangte das Steuerrad bereits 1918 in den Besitz von Kapitänleutnant Heinz Bödecker, in dessen Nachlass es sich bis heute erhalten hat.
Das Luftschiff selbst wurde nach dem Krieg außer Dienst gestellt und sollte im Rahmen der Reparationsleistungen an Italien übergeben werden.
Bedeutung für Sammler und Forschung
Dieses Steuerrad ist weit mehr als ein technisches Bauteil. Es ist ein unmittelbares Zeugnis der strategischen Luftkriegsführung des Ersten Weltkriegs und der verzweifelten deutschen Versuche, durch technologische Innovation – in diesem Fall die Höhenluftschiffe des Typs V – einen Vorteil über die immer effektiver werdende britische Luftverteidigung zu erlangen. Die klare Zuordnung zu einem bestimmten Luftschiff durch die Nabenmarkierung, die dokumentierte Einsatzgeschichte von L61 und die eindeutige Provenienz über den Nachlass des Kommandanten machen dieses Objekt zu einem Stück von herausragender historischer und musealer Bedeutung.
Für den Sammler militärischer Memorabilien der Kaiserlichen Marine und insbesondere der Marineluftschifffahrt stellt dieses Steuerrad ein äußerst seltenes Sammlerstück dar. Originale Bauteile identifizierter Zeppeline mit gesicherter Provenienz sind auf dem Sammlermarkt eine absolute Rarität.