Preußen 1. Weltkrieg Kabinettfoto eines Offiziers in einem Infanterie-Regiment in kleinem Rock und Mantel
Das vorliegende Kabinettfoto zeigt einen deutschen Offizier eines Infanterie-Regiments während des Ersten Weltkriegs, fotografiert um 1914. Mit den Maßen 10,3 x 20,8 cm entspricht es dem klassischen Format der Kabinettfotografie, die zwischen den 1870er Jahren und den 1920er Jahren als Standardformat für Portraitaufnahmen diente.
Der Offizier trägt auf diesem Bild zwei charakteristische Uniformstücke der preußischen Armee: den kleinen Rock (Waffenrock) und den Mantel. Der kleine Rock war die reguläre Ausgehuniforms des deutschen Offizierkorps und unterschied sich deutlich vom großen Waffenrock durch seine kürzere, tailliertere Schnittführung. Diese Uniformjacke reichte typischerweise bis zur Mitte des Oberschenkels und wurde mit einer Reihe von Knöpfen geschlossen. Die Uniform war in der Regel aus dunkelblauem Tuch gefertigt, wobei verschiedene Regimenter unterschiedliche Aufschläge und Besatzfarben trugen, die sogenannten Waffenfarben.
Die preußische Infanterie verwendete traditionell weiße Waffenfarben, die an Kragen, Ärmelaufschlägen und Schulterklappen sichtbar waren. Die genaue Ausgestaltung der Uniform folgte den Anzugs-Bestimmungen der preußischen Armee, die detailliert festlegten, wie Offiziere verschiedener Ränge und Truppengattungen sich zu kleiden hatten.
Der auf dem Foto ebenfalls dargestellte Mantel war ein unverzichtbarer Bestandteil der Offiziersgarderobe. Der Offiziersmantel im preußischen Heer war typischerweise grau, später feldgrau, und diente sowohl repräsentativen als auch praktischen Zwecken. Er wurde über der Uniform getragen und schützte vor Witterungseinflüssen. Die Mäntel der Offiziere waren aus hochwertigem Tuch gefertigt und oft mit Samtkragen versehen.
Das Jahr 1914 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Militärgeschichte. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 endete eine Ära der prächtigen, farbenfrohen Uniformen. Die Kriegserfordernisse führten rasch zur Einführung praktischerer, weniger auffälliger Felduniformen. Die traditionellen, für Paraden und Friedenszeiten konzipierte Uniformen wurden zunehmend durch feldgraue, zweckmäßigere Kleidung ersetzt.
Kabinettfotos wie dieses waren in der wilhelminischen Ära äußerst beliebt. Sie wurden in professionellen Ateliers angefertigt, oft mit kunstvoll gemalten Hintergründen oder Studiorequisiten. Offiziere ließen sich bevorzugt in voller Uniform ablichten, um ihren gesellschaftlichen Status und ihre militärische Stellung zu dokumentieren. Diese Fotografien wurden auf stabilen Karton aufgezogen und trugen häufig auf der Rückseite den Stempel des Fotografen mit dessen Namen und Adresse.
Das Offizierkorps der preußischen Armee genoss im Kaiserreich hohes gesellschaftliches Ansehen. Der Offiziersberuf war ein Privileg, das hauptsächlich dem Adel und dem gehobenen Bürgertum vorbehalten war. Die Uniform war nicht nur Dienstkleidung, sondern Symbol für Ehre, Pflichterfüllung und gesellschaftliche Position. Offiziere trugen ihre Uniform auch bei zivilen Anlässen und gesellschaftlichen Veranstaltungen.
Die Infanterie bildete das Rückgrat der kaiserlichen Armee. Preußen verfügte 1914 über zahlreiche Infanterie-Regimenter, die durchnummeriert waren und oft zusätzliche Traditionsnamen trugen. Jedes Regiment hatte seine eigene Geschichte und Traditionen, die sich teilweise in der Uniformgestaltung widerspiegelten.
Fotografien wie diese besitzen heute großen historischen Wert. Sie dokumentieren nicht nur die Uniformgeschichte, sondern auch die Personen, die im Ersten Weltkrieg kämpften. Viele dieser Offiziere, die sich 1914 voller Optimismus und Pflichtbewusstsein fotografieren ließen, sollten den Krieg nicht überleben oder kehrten als veränderte Menschen zurück. Das Kabinettfoto steht somit symbolisch für eine Epoche, die mit dem Ersten Weltkrieg unwiderruflich zu Ende ging.
Für Sammler und Historiker bieten solche Fotografien wertvolle Einblicke in die militärische Alltagskultur, die Uniformkunde und die Sozialgeschichte des Kaiserreichs. Sie sind authentische Zeugnisse einer Zeit, die trotz ihrer zeitlichen Nähe bereits fern und fremd erscheint.