Verein ehemaliger Kolonial- und Auslandstruppen - Spendenabzeichen
Das vorliegende Spendenabzeichen des Vereins ehemaliger Kolonial- und Auslandstruppen repräsentiert ein faszinierendes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte und der damit verbundenen Erinnerungskultur in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Diese aus einfachen Materialien – gepresster Pappe, Papier und Stoff – gefertigte Miniatur vereint symbolträchtige Elemente: einen Elefanten, das Abzeichen des Reichskolonialbundes und eine Palme.
Der Verein ehemaliger Kolonial- und Auslandstruppen wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, als Deutschland durch den Versailler Vertrag von 1919 seine sämtlichen Kolonialgebiete verlor. Die ehemaligen Schutztruppen, die in Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und den Südseegebieten stationiert waren, kehrten in ein besiegtes und revolutionär umgestaltetes Deutschland zurück. Diese Veteranen organisierten sich in verschiedenen Vereinigungen, um ihre gemeinsamen Erfahrungen zu pflegen und für die Wiedererlangung der Kolonien zu werben.
Der Reichskolonialbund entstand 1936 durch die Gleichschaltung verschiedener kolonialrevisionistischer Organisationen unter nationalsozialistischer Herrschaft. Unter der Leitung von Franz Ritter von Epp, einem ehemaligen Kommandeur der Schutztruppen, vereinte der Bund alle kolonialpolitischen Bestrebungen des Dritten Reiches. Die Organisation zählte zeitweise über zwei Millionen Mitglieder und betrieb intensive Propaganda für die Rückgabe der deutschen Kolonien.
Spendenabzeichen wie das vorliegende waren ein charakteristisches Phänomen der deutschen Sammlungskultur zwischen 1914 und 1945. Sie dienten der Mittelbeschaffung für verschiedene patriotische, militärische und später nationalsozialistische Zwecke. Die Straßensammlungen, bei denen solche Abzeichen gegen Spenden ausgegeben wurden, fanden regelmäßig statt und waren besonders in der NS-Zeit auch ein Mittel zur Demonstration politischer Loyalität. Das Tragen eines solchen Abzeichens signalisierte öffentlich die Unterstützung der jeweiligen Organisation und ihrer Ziele.
Die Symbolik des Abzeichens ist aufschlussreich: Der Elefant war ein häufig verwendetes Motiv in der deutschen Kolonial-Ikonographie und stand für die afrikanischen Besitzungen, insbesondere Deutsch-Ostafrika. Die Palme symbolisierte die tropischen Gebiete allgemein und wurde zu einem romantisierenden Sinnbild der verlorenen Kolonien. Diese exotischen Motive sollten bei der deutschen Bevölkerung Interesse und Nostalgie für die ehemaligen Überseegebiete wecken.
Die Verwendung einfacher Materialien – gepresste Pappe, Papier und Stoff – war typisch für Spendenabzeichen, da diese in großen Stückzahlen kostengünstig hergestellt werden mussten. Die Abzeichen sollten erschwinglich sein, damit möglichst viele Menschen spenden konnten. Zugleich dokumentiert die schlichte Ausführung den propagandistischen Massencharakter dieser Sammlungsobjekte.
Der kolonialrevisionistische Diskurs, den solche Abzeichen verkörperten, war in der Zwischenkriegszeit weit verbreitet. Die Forderung nach Rückgabe der Kolonien wurde als Frage der nationalen Ehre und wirtschaftlichen Notwendigkeit dargestellt. Die NS-Propaganda behauptete, Deutschland benötige “Lebensraum” und koloniale Rohstoffquellen. Tatsächlich hatten die deutschen Kolonien nie einen nennenswerten wirtschaftlichen Gewinn abgeworfen, doch dies hinderte die Propaganda nicht an ihrer Verklärung.
Die Kolonialveteranen-Vereine pflegten ein verklärtes Bild der Kolonialzeit und ignorierten weitgehend die brutale Realität der deutschen Kolonialherrschaft, einschließlich des Völkermords an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908) und der gewaltsamen Unterdrückung des Maji-Maji-Aufstands in Deutsch-Ostafrika (1905-1907). Stattdessen wurde ein Mythos von der angeblich zivilisatorischen Mission und den kolonialen “Errungenschaften” kultiviert.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Expansion in Europa verlor die Kolonialfrage an Bedeutung. Nach 1945 endeten die kolonialrevisionistischen Bestrebungen endgültig. Heute sind solche Spendenabzeichen wichtige historische Quellen für die Erforschung der deutschen Kolonialgeschichte, der Erinnerungskultur und der Propagandamethoden des 20. Jahrhunderts. Sie dokumentieren, wie koloniale Nostalgie instrumentalisiert wurde und welche Rolle symbolische Objekte in der politischen Mobilisierung spielten.