Frankreich 3. Republik Boléro (Jacke) Modell 1879 für einen Korporal im "1er régiment de Tirailleurs algériens"

Kammerstück aus dem Jahre 1900. Die Jacke aus hellblauem Stoff mit in gelb aufgestickten Vorstößen und Tressen, die "falschen Taschen" in rot für das 1. Regiment, die Ärmel mit je einem goldenen Winkel für den Korporal, oben auf den Ärmel die goldenen Tressen für "lange Dienstzeit", auf dem linken Ärmel das "Horn" für gute Schießleistungen, auf der linken Brust mit fünf Schleifen für Orden/Ehrenzeichen. Innen mit weißem Leinenfutter mit schönem Regiments-Stempel «1.Cp. T[]. Alg.», Abnahme aus dem Jahr 1900 und Stempel des Herstellers «Frederic Altairac Alger C 99». Leicht getragen, mit nur leichten Mottenspuren. Zustand 2.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Tirailleurs_algériens
https://fr.wikipedia.org/wiki/1er_régiment_de_tirailleurs_algériens
480469
950,00

Frankreich 3. Republik Boléro (Jacke) Modell 1879 für einen Korporal im "1er régiment de Tirailleurs algériens"

Das Bolero-Modell 1879 repräsentiert ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der französischen Kolonialstreitkräfte in Nordafrika. Diese kurze Jacke, die von den Tirailleurs Algériens getragen wurde, verkörpert sowohl die militärische Tradition Frankreichs als auch die kulturelle Synthese zwischen europäischen und nordafrikanischen Einflüssen.

Die Tirailleurs Algériens wurden erstmals 1842 als Teil der französischen Kolonialtruppen in Algerien aufgestellt. Diese Einheiten rekrutierten sich hauptsächlich aus der einheimischen muslimischen Bevölkerung und spielten eine entscheidende Rolle bei der französischen Expansion in Nordafrika. Das 1er Régiment de Tirailleurs Algériens, aus dem dieses Uniformstück stammt, wurde 1856 formell gegründet und war das älteste und prestigeträchtigste dieser Regimenter.

Das Bolero-Modell 1879 war eine charakteristische Uniform der nordafrikanischen Truppen. Die hellblaue Farbe (bleu clair) war das Markenzeichen der algerischen Tirailleurs und unterschied sie von anderen Kolonialeinheiten wie den tunesischen oder marokkanischen Tirailleurs. Die aufwendigen gelben Stickereien und Tressen waren nicht nur dekorativ, sondern dienten der Identifizierung von Rang und Einheit. Die roten “falschen Taschen” waren ein spezifisches Erkennungsmerkmal des 1. Regiments, da jedes Regiment seine eigene Farbe für diese Verzierung hatte.

Die Rangabzeichen auf diesem Stück sind besonders aufschlussreich. Die goldenen Winkel (chevrons) auf beiden Ärmeln kennzeichnen den Träger als Caporal (Korporal), den niedrigsten Unteroffiziersrang. Die zusätzlichen goldenen Tressen auf den Oberarmen weisen auf lange Dienstzeit hin - ein System, das 1873 eingeführt wurde, um verdiente Soldaten zu ehren. Jede Tresse repräsentierte typischerweise fünf Dienstjahre. Das “Horn”-Abzeichen auf dem linken Ärmel war eine besondere Auszeichnung für hervorragende Schießleistungen, ein wichtiges Statussymbol in der französischen Armee.

Die fünf Schleifen auf der linken Brust sind Befestigungspunkte für Orden und Ehrenzeichen. Um 1900 hatte ein Korporal mit langer Dienstzeit möglicherweise an verschiedenen Kolonialfeldzügen teilgenommen, darunter Operationen in Algerien, Tunesien oder sogar in der Sahara. Die Médaille Coloniale, die Médaille Commémorative oder andere Auszeichnungen wären hier angebracht gewesen.

Der Herstellerstempel “Frederic Altairac Alger C 99” ist von erheblichem historischem Interesse. Altairac war ein bekannter Uniformhersteller in Algier, der Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Verträge mit der französischen Armee hatte. Die lokale Produktion in Algier war logistisch sinnvoll und unterstützte die koloniale Wirtschaft. Der Regimentsstempel “1.Cp. T[]. Alg.” bezeichnet die erste Kompanie der Tirailleurs Algériens und das Abnahmejahr 1900.

Das Jahr 1900 war eine relativ ruhige Periode für die algerischen Tirailleurs, zwischen den großen Eroberungskriegen des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg. Die Truppen waren hauptsächlich mit Garnisondiensten und gelegentlichen Operationen gegen aufständische Stämme in den entlegeneren Gebieten beschäftigt. Die Uniform wurde zu einer Zeit hergestellt, als die französische Kolonialherrschaft in Algerien fest etabliert war.

Die Konstruktion des Bolero selbst spiegelt praktische militärische Erwägungen wider. Die kurze Länge war ideal für das nordafrikanische Klima und ermöglichte größere Bewegungsfreiheit bei militärischen Operationen im schwierigen Gelände. Das weiße Leinenfutter bot zusätzlichen Komfort in der Hitze und war leichter zu reinigen als gefärbte Materialien.

Uniformstücke wie dieses sind wichtige historische Dokumente. Sie erzählen nicht nur von militärischer Organisation und Hierarchie, sondern auch von individuellen Karrieren und Erfahrungen. Ein Korporal mit Langdiensttressen und Schießabzeichen war ein erfahrener Soldat, der wahrscheinlich sein gesamtes Erwachsenenleben im Dienst der französischen Kolonialarmee verbracht hatte. Viele dieser Soldaten stammten aus Algier selbst oder den umliegenden Regionen und dienten in einer komplexen Beziehung zwischen Kolonialherren und kolonisierten Völkern.

Die Tirailleurs Algériens würden später in beiden Weltkriegen eine bedeutende Rolle spielen und erhebliche Verluste erleiden. Das 1er Régiment kämpfte mit Auszeichnung in der Schlacht um Verdun und anderen großen Engagements. Diese Tradition und Opferbereitschaft sind in solchen Uniformstücken aus der friedlicheren Zeit um 1900 bereits angelegt.