Die deutsche Kavallerie in Krieg und Frieden ist ein bedeutendes historisches Werk, das 1928 von der Verlagsbuchhandlung Schille & Co. in Karlsruhe herausgegeben wurde. Dieses umfangreiche Kompendium dokumentiert die Geschichte sämtlicher deutscher Kavallerie-Regimenter mit besonderem Schwerpunkt auf den Ersten Weltkrieg.
Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgte zu einer Zeit, in der Deutschland die Niederlage des Ersten Weltkrieges verarbeiten musste und gleichzeitig eine intensive historiographische Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschehen einsetzte. Die späten 1920er Jahre waren geprägt von zahlreichen Regimentsgeschichten und militärhistorischen Publikationen, die sowohl der Erinnerungskultur dienten als auch den Veteranen ein Forum zur Dokumentation ihrer Erlebnisse boten.
Das Werk umfasst 495 Seiten und enthält etwa 250 Abbildungen, was für militärhistorische Publikationen dieser Epoche außergewöhnlich reich illustriert ist. Die Abbildungen dürften Fotografien von Offizieren und Mannschaften, Uniformdarstellungen, Gefechtsszenen und möglicherweise Karten von Kriegsschauplätzen umfassen. Der hochwertige Ganzleineneinband im Großformat unterstreicht den repräsentativen Charakter des Buches.
Die deutsche Kavallerie hatte im Ersten Weltkrieg eine komplexe und sich wandelnde Rolle. Zu Kriegsbeginn 1914 verfügte das Deutsche Heer über 110 Kavallerie-Regimenter, die in Kürassier-, Dragoner-, Husaren- und Ulanen-Regimenter gegliedert waren. Die traditionelle Rolle der Kavallerie als Aufklärungs-, Stoß- und Verfolgungswaffe wurde jedoch durch die technologischen Entwicklungen des modernen Krieges grundlegend infragegestellt.
Bereits in den ersten Kriegsmonaten zeigte sich, dass die Kavallerie gegen Maschinengewehre, Stacheldraht und verschanzte Stellungen nur begrenzt einsetzbar war. Der Übergang zum Stellungskrieg ab Ende 1914 reduzierte die Bedeutung der berittenen Truppen erheblich. Viele Kavalleristen wurden abgesessen und als Infanterie eingesetzt oder in anderen Waffengattungen verwendet.
Dennoch behielt die Kavallerie in bestimmten Kriegsschauplätzen ihre Bedeutung. An der Ostfront, wo die Frontlinien beweglicher blieben, konnten Kavallerie-Einheiten weiterhin erfolgreich operieren. Auch bei der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 wurden Kavallerie-Divisionen bereitgehalten, um Durchbrüche auszunutzen, was jedoch aufgrund des letztendlichen Scheiterns der Offensive nicht zum Tragen kam.
Die Tradition der einzelnen Regimenter reichte oft weit zurück, manche bis ins 17. und 18. Jahrhundert. Diese Regimentsgeschichten waren nicht nur militärhistorische Dokumente, sondern auch Träger von Tradition und Esprit de Corps. Sie dokumentierten die Friedensstandorte, die Garnisonen, die Uniformentwicklung und vor allem die Kampfeinsätze der jeweiligen Einheiten.
Das vorliegende Exemplar enthält eine Widmungsseite zum 25-jährigen Dienstjubiläum, was darauf hindeutet, dass es als Geschenk für einen Offizier oder Unteroffizier diente, der 1903 seinen Dienst angetreten hatte und somit den gesamten Ersten Weltkrieg miterlebt hatte. Solche personalisierten Widmungen waren üblich und unterstreichen den Wert, den man solchen Werken in militärischen Kreisen beimaß.
Die Publikation von 1928 fällt in die Ära der Weimarer Republik und der Reichswehr, die durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages auf 100.000 Mann beschränkt war. Die Kavallerie der Reichswehr umfasste nur noch 18 Eskadrons. In diesem Kontext dienten Werke wie dieses auch der Bewahrung militärischer Traditionen in einer Zeit drastischer Verkleinerung der Streitkräfte.
Der Verlag Schille & Co. in Karlsruhe war im frühen 20. Jahrhundert bekannt für militärische und historische Publikationen. Karlsruhe selbst, als ehemalige Residenzstadt des Großherzogtums Baden, hatte eine starke militärische Tradition und beherbergte mehrere bedeutende Regimenter.
Aus bibliophiler und militärhistorischer Sicht sind solche umfassenden Regimentsgeschichten heute wertvolle Quellen für die Erforschung des Ersten Weltkrieges. Sie bieten detaillierte Informationen über Kampfhandlungen auf Regimentsebene, die in großen Überblickswerken oft fehlen. Gleichzeitig müssen sie quellenkritisch gelesen werden, da sie häufig eine verklärende und glorifizierende Perspektive einnehmen, die der Nachkriegszeit der 1920er Jahre entspricht.
Die materielle Beschaffenheit des Buches mit leichten Gebrauchsspuren entspricht dem Alter von nahezu 100 Jahren. Die erwähnte gelockerte Bindung und leichte Fleckigkeit sind typische Alterungserscheinungen bei Büchern dieser Epoche und beeinträchtigen den historischen Wert des Werkes nicht grundlegend.