Königreich Bayern Galarock für einen Staats-/Hofbeamten

Um 1900. Dunkelblauer, frackartiger Rock mit Stehkragen, die Ärmelaufschläge und der Kragen mit silbernen und goldenen Stickereien, Messingknöpfe mit bayerischem Staatswappen, auf der linken Seite die Degentasche. Innen mit schwarzem Seidenfutter, im Nackenbereich Etikett eines Schneiders aus Würzburg. Getragen, kleinere Reparaturen und Mottenlöchlein, auf den Schultern Klebespuren- Zustand 2-.
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650,00

Königreich Bayern Galarock für einen Staats-/Hofbeamten

Der vorliegende Galarock eines bayerischen Staats- oder Hofbeamten aus der Zeit um 1900 verkörpert die repräsentative Hofkultur des Königreichs Bayern in seinen letzten Jahrzehnten. Solche Prunkgewänder waren integraler Bestandteil des zeremoniellen Lebens am Münchner Hof und bei staatlichen Anlässen unter der Regierung der Wittelsbacher.

Das Königreich Bayern hatte seit seiner Erhebung zum Königreich im Jahr 1806 durch Napoleon Bonaparte eine ausgeprägte Hof- und Beamtenkultur entwickelt. Unter König Ludwig I. (1825-1848), Maximilian II. (1848-1864), Ludwig II. (1864-1886), Prinzregent Luitpold (1886-1912) und schließlich Ludwig III. (1913-1918) pflegte der bayerische Hof eine eigenständige monarchische Tradition innerhalb des Deutschen Kaiserreichs.

Die Galauniform oder der Galarock war die höchste Stufe der Amtstracht und wurde ausschließlich bei festlichen Staatsempfängen, Hofbällen, königlichen Audienzen und anderen zeremoniellen Anlässen getragen. Die Hofrangordnung und die damit verbundenen Kleiderordnungen waren in Bayern bis ins kleinste Detail geregelt. Das bayerische Hof- und Staatshandbuch, das jährlich erschien, verzeichnete nicht nur alle Beamten und Hofchargen, sondern gab auch Auskunft über die entsprechenden Uniformvorschriften.

Der hier vorliegende Rock in dunkelblauen Farbe mit frackähnlichem Schnitt entspricht der typischen Form einer zivilen Hofuniform des späten 19. Jahrhunderts. Der Stehkragen war charakteristisch für die Zeit um 1900 und unterschied sich deutlich von den militärischen Uniformen, die oft aufwendigere Kragenkonstruktionen aufwiesen. Die Kombination von silbernen und goldenen Stickereien an Kragen und Ärmelaufschlägen deutet auf einen gehobenen Rang innerhalb der Hofhierarchie hin. Gold war traditionell höheren Chargen vorbehalten, während die Kombination mit Silber spezifische Rangabstufungen anzeigte.

Die Messingknöpfe mit dem bayerischen Staatswappen sind ein eindeutiges Identifikationsmerkmal. Das bayerische Wappen mit den charakteristischen weiß-blauen Rauten war seit Jahrhunderten das Symbol der wittelsbachischen Herrschaft. Auf Uniformknöpfen wurde meist das kleine oder mittlere Staatswappen verwendet, je nach Rang und Funktion des Trägers. Die Anzahl und Anordnung der Knöpfe folgte ebenfalls strengen Vorschriften.

Ein besonderes Detail ist die Degentasche auf der linken Seite. Der Degen war für Hofbeamte und höhere Staatsbeamte bei Galavorstellungen obligatorisch. Er symbolisierte den Status des Trägers und seine Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft. Die Degentasche war so konstruiert, dass sie das Degengehänge aufnahm und ein würdevolles Tragen der Waffe ermöglichte, ohne dass diese störend zu Boden hing.

Das schwarze Seidenfutter im Inneren des Rocks entspricht der hohen Qualität, die bei Hofuniformen erwartet wurde. Seide war das bevorzugte Material für Futterstoffe in repräsentativen Kleidungsstücken. Das Schneideretikett aus Würzburg ist von besonderem Interesse, da es zeigt, dass solche Uniformen nicht ausschließlich in München angefertigt wurden. Würzburg, als bedeutende Stadt im Regierungsbezirk Unterfranken, verfügte über qualifizierte Hofschneider, die Beamte der regionalen Verwaltung ausstatteten.

Die Verwendungszeit um 1900 fällt in die Prinzregentenzeit unter Luitpold von Bayern, eine Epoche, die als kulturelle Blütezeit Bayerns gilt. Die Prinzregentenzeit (1886-1912) war geprägt von einem prächtigen Hofleben, das bewusst die monarchische Tradition pflegte, während gleichzeitig die Moderne Einzug hielt. Galaempfänge, Hofbälle und Staatsakte folgten einem ausgeklügelten Zeremoniell, bei dem die korrekte Uniformierung von größter Bedeutung war.

Der Erhaltungszustand des vorliegenden Rocks mit seinen Gebrauchsspuren, kleinen Reparaturen und Mottenlöchern erzählt von seiner tatsächlichen Verwendung. Die Klebespuren auf den Schultern könnten von nachträglichen Ausstellungszwecken oder Reparaturversuchen stammen. Solche authentischen Gebrauchsspuren machen militaria und Hofuniformen zu wertvollen historischen Zeugnissen, da sie belegen, dass diese Stücke tatsächlich getragen und im höfischen Alltag verwendet wurden.

Mit dem Ende der Monarchie 1918 nach der Novemberrevolution und der Abdankung König Ludwigs III. verloren diese Galauniformen ihre offizielle Funktion. Viele wurden von ihren Besitzern als Erinnerungsstücke aufbewahrt, andere gelangten in den Handel oder wurden zu Theaterkostümen umfunktioniert. Heute sind solche Uniformen wichtige Zeugnisse der bayerischen Monarchie und der höfischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Sie dokumentieren nicht nur Kleidungsvorschriften und handwerkliche Fertigkeiten, sondern auch die soziale Hierarchie und das Selbstverständnis des monarchischen Staatsapparats im Königreich Bayern.