Evangelisches Gesang und Gebetsbuch für Soldaten,

Stauda Verlag Kassel. 1961, Kleinformat mit 499 Seiten. Zustand 2-

510273
18,00

Evangelisches Gesang und Gebetsbuch für Soldaten,

Evangelisches Gesang- und Gebetsbuch für Soldaten (1961)

Das vorliegende Evangelische Gesang- und Gebetsbuch für Soldaten aus dem Jahr 1961, herausgegeben vom Stauda Verlag in Kassel, repräsentiert eine wichtige Tradition der Militärseelsorge in der noch jungen Bundeswehr. Mit seinen 499 Seiten im Kleinformat war es speziell für den praktischen Gebrauch durch Soldaten konzipiert und spiegelt die besondere Rolle der Religion im deutschen Militär der Nachkriegszeit wider.

Historischer Kontext der Militärseelsorge

Die Tradition militärischer Gebetbücher in Deutschland reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, doch die Neuausrichtung nach 1945 war von besonderer Bedeutung. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den Verbrechen des NS-Regimes stand die Bundesrepublik vor der Herausforderung, eine neue demokratische Armee aufzubauen. Die Bundeswehr wurde 1955 gegründet, und von Anfang an spielte die Militärseelsorge eine zentrale Rolle im Konzept des “Staatsbürgers in Uniform”.

Das Jahr 1961, in dem dieses Gebetsbuch erschien, fiel in eine Zeit des Kalten Krieges und wachsender Spannungen, symbolisiert durch den Bau der Berliner Mauer im August desselben Jahres. Die Bundeswehr befand sich in einer Phase der Konsolidierung und des Aufbaus, und die geistliche Betreuung der Soldaten wurde als wesentlicher Bestandteil der militärischen Erziehung verstanden.

Struktur und Inhalt

Soldatengebetbücher dieser Ära enthielten typischerweise eine Sammlung von Kirchenliedern, Gebeten für verschiedene Anlässe, Bibellesungen und liturgische Texte. Mit 499 Seiten war dieses Werk umfassend genug, um den vollständigen Jahreskreis der evangelischen Kirche abzudecken. Das Kleinformat ermöglichte es Soldaten, das Buch in der Uniform oder im Spind aufzubewahren und bei Gottesdiensten, in persönlichen Andachtsmomenten oder in schwierigen Situationen zur Hand zu haben.

Die Gebete waren oft auf die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen des Soldatenlebens zugeschnitten: Gebete für Schutz, Mut, Bewahrung in Gefahr, für Kameraden und für Frieden. Sie reflektierten auch die ethischen Dilemmata des Soldatenberufs in einer demokratischen Gesellschaft.

Der Stauda Verlag

Der Stauda Verlag in Kassel war ein renommierter Verlag für religiöse Literatur in der Nachkriegszeit. Kassel, eine Stadt, die im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert wurde, entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum für kirchliche Publikationen. Der Verlag pflegte enge Beziehungen zur Evangelischen Militärseelsorge und produzierte verschiedene Ausgaben von Gesang- und Gebetsbüchern für unterschiedliche Verwendungszwecke.

Die Militärseelsorge in der Bundeswehr

Die rechtliche Grundlage für die Militärseelsorge wurde im Militärseelsorgevertrag vom 22. Februar 1957 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den evangelischen Landeskirchen geschaffen. Ein paralleler Vertrag wurde mit der katholischen Kirche geschlossen. Diese Verträge garantierten die freie Religionsausübung in der Bundeswehr und etablierten ein System von Militärpfarrern und -geistlichen.

Die Evangelische Militärseelsorge hatte den Auftrag, den Soldaten in allen Lebenslagen beizustehen, Gottesdienste zu organisieren und ethische Orientierung zu bieten. Dies war besonders wichtig in einer Armee, die sich als Teil einer demokratischen und friedensorientierten Gesellschaft verstand, gleichzeitig aber im Kontext der NATO-Verteidigung im Kalten Krieg operierte.

Bedeutung für die Innere Führung

Das Konzept der Inneren Führung, entwickelt hauptsächlich von Wolf Graf von Baudissin, war das Leitprinzip der Bundeswehr. Es betonte die Vereinbarkeit von militärischem Dienst und demokratischen Werten. Die Militärseelsorge und entsprechende religiöse Literatur waren integrale Bestandteile dieses Konzepts, da sie den Soldaten halfen, ethische Fragen zu reflektieren und moralische Integrität zu bewahren.

Sammlerwert und historische Bedeutung

Heute sind solche Soldatengebetbücher aus der frühen Bundeswehrzeit begehrte Sammlerstücke für Militaria-Sammler und Historiker. Sie bieten Einblicke in die Mentalitätsgeschichte, die religiöse Praxis und die kulturellen Aspekte des Militärlebens in der Nachkriegszeit. Der gute bis sehr gute Erhaltungszustand (Zustand 2-) macht dieses Exemplar besonders wertvoll, da viele dieser Gebrauchsgegenstände durch intensive Nutzung verschlissen oder verloren gingen.

Diese Gebetbücher dokumentieren auch die besondere deutsche Situation nach 1945: den Versuch, eine Armee aufzubauen, die bewusst mit den militaristischen Traditionen der Vergangenheit brach und christliche Werte sowie demokratische Prinzipien in den Mittelpunkt stellte. Sie sind somit wichtige Quellen für das Verständnis der frühen Bundeswehrgeschichte und der gesellschaftlichen Debatte über Militär und Ethik in der jungen Bundesrepublik.