Große 

Heimatstandort Hannover. Kammerstück 1915. Lederhelm, komplett mit allen Beschlägen in Eisen feldgrau lackiert. Vorne der preußische Linienadler. Ledersturmriemen an Knopf 91, beide Kokarden. Die Spitze mit Bajonett-Verschluss abnehmbar. Innen mit gelaschtem Lederfutter. Der Nackenschirm mit Kammerstempel «B.A.X. 1915» und «I.R.74», in der Glocke der Stempel des Herstellers «Gebr. Müller […] 1915». Größe ca. 56. Getragen. Zustand 2-.
503776
2.500,00

Preußische Pickelhaube Modell 1915 für Mannschaften der Infanterie – 1. Hannoversches Infanterie-Regiment Nr. 74

Die Pickelhaube, der ikonische Spitzhelm der preußischen und deutschen Streitkräfte, wurde am 23. Oktober 1842 durch eine Kabinettsorder König Friedrich Wilhelms IV. eingeführt, inspiriert von russischen Vorbildern. Über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg diente sie als das charakteristische Kopfbedeckungsstück des deutschen Militärs und wurde zu einem der bekanntesten Symbole preußischer Militärtradition. Das hier vorgestellte Exemplar – ein Modell 1915 (M1915) für Mannschaften der Infanterie – stellt eine vereinfachte Kriegsausführung dar, die im Jahr 1915 unter dem Druck der veränderten Bedingungen des Ersten Weltkriegs eingeführt wurde.

Im Vergleich zu den Vorkriegsmodellen, etwa dem M1895, wies das Modell 1915 entscheidende Änderungen auf. Sämtliche Metallbeschläge – Spitze, Adlerplatte, Kokarden und Kinnriemenknopf – wurden nicht mehr in poliertem Messing oder Silber belassen, sondern in feldgrau lackiert, um die Sichtbarkeit im Feld zu verringern. Die Spitze wurde mit einem Bajonett-Verschluss abnehmbar gestaltet, da ab September 1915 befohlen wurde, die Spitze in vorderster Linie nicht mehr zu tragen. Anstelle der früheren Metallschuppenketten wurde ein Ledersturmriemen am sogenannten Knopf 91 befestigt, einem 1891 eingeführten Schnellverschlusssystem. Diese Modifikationen spiegelten die harten Realitäten des Stellungskrieges wider, in dem die Pickelhaube sich als unzureichend erwies: Sie bot kaum Schutz gegen Granatsplitter und Schrapnell, während die auffällige Spitze den Träger zur Zielscheibe machte.

Dieses konkrete Exemplar wurde über das Bekleidungsamt X, das Bekleidungsdepot des X. Armeekorps mit Sitz in Hannover, an das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 ausgegeben. Der Stempel «B.A.X. 1915» auf dem Nackenschirm dokumentiert diese Ausgabe durch das Korps-Bekleidungsamt, während die Bezeichnung «I.R.74» die Zuteilung an das Regiment belegt. In der Helmglocke findet sich der Herstellerstempel «Gebr. Müller [...] 1915». Das Bekleidungsamt war die auf Armeekorpsebene zuständige Versorgungsorganisation für die Beschaffung, Prüfung, Ausgabe und Instandhaltung von Uniformen und Ausrüstung. Als sogenanntes Kammerstück wurde der Helm als reguläre Kammerausstattung des Jahres 1915 geführt.

Das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 war ein preußisches Linieninfanterie-Regiment, das von 1866 bis 1918 bestand und in Hannover garnisoniert war. Das Regiment hatte sich bereits im Deutsch-Französischen Krieg ausgezeichnet, insbesondere in der Schlacht bei Spicheren, und kämpfte im Ersten Weltkrieg. Unter den dokumentierten Offizieren des Regiments finden sich Oberleutnant Kurt (Curt) Gabriel, der als Regimentsadjutant am 22. August 1914 in Belgien verwundet wurde und 1931 die Regimentsgeschichte des Ersten Weltkriegs herausgab, sowie Hauptmann William Armbrecht, der in beiden Weltkriegen diente und 1943 als Major der Wehrmacht in den Ruhestand trat.

Der Helm besteht aus einer Glocke aus gekochtem bzw. gehärtetem Leder mit einem Frontbeschlag in Form des preußischen Linienadlers in feldgrau lackiertem Eisen. Er trägt beide Kokarden – die schwarz-weiß-rote Reichskokarde und die preußische Landeskokarde. Innen befindet sich ein gelaschtes Lederfutter. Die Helmgröße beträgt circa 56 (Glockenumfang in Zentimetern).

Im Laufe des Jahres 1915 wurde die Produktion zunehmend auf Ersatzmaterialien umgestellt – Pressfilz, vulkanisierte Fiber oder dünnes Stahlblech –, da die britische Seeblockade zu einem gravierenden Ledermangel führte. Neben dem hier vorgestellten Ledermodell existierten daher zahlreiche Ersatzmodelle aus diesen alternativen Werkstoffen. Millionen von Pickelhauben wurden zwischen 1842 und 1918 für die preußische und die deutsche Armee hergestellt; alle vor und während 1914 für die Infanterie gefertigten Helme bestanden aus Leder.

Ab 1916 begann die schrittweise Ablösung der Pickelhaube durch den überlegenen Stahlhelm für den Fronteinsatz, obwohl Pickelhauben weiterhin in rückwärtigen Bereichen und zu zeremoniellen Zwecken verwendet wurden. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Auflösung der kaiserlichen Armee wurde das Infanterie-Regiment Nr. 74 in der Reichswehr durch die 6. Kompanie des 16. Infanterie-Regiments (6. Division, stationiert in Münster) traditionswahrend fortgeführt. Eine Regimentskameradschaft war bereits 1912 gegründet worden und veröffentlichte 1931 eine Regimentsgeschichte.

Für Sammler stellt ein Modell 1915 aus Leder mit klar lesbaren Kammerstempeln und Regimentszuweisungen wie bei diesem Exemplar ein besonders wertvolles Stück dar. Die Stempelungen ermöglichen eine lückenlose Dokumentation der Ausgabegeschichte – vom Hersteller über das Bekleidungsamt bis hin zur konkreten Einheit. Solche Exemplare bieten greifbare Zeugnisse der logistischen und materiellen Herausforderungen, mit denen die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg konfrontiert war, und dokumentieren den Übergang von der traditionsreichen Pickelhaube zum modernen Stahlhelm. Die Pickelhaube selbst verschwand nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend aus dem deutschen Militärdienst, wird jedoch bis heute in einigen modernen Streitkräften – etwa in Schweden, Chile, Kolumbien und Portugal – zu zeremoniellen Anlässen getragen.