Das Grenadier-Regiment Königin Olga (1. Württembergisches) Nr. 119 verkörperte eine der traditionsreichsten Formationen der württembergischen Armee, deren Geschichte sich von 1806 bis 1919 erstreckte. Das Regiment trug seinen Ehrennamen nach der russischen Großfürstin Olga Nikolajewna Romanowa, Gemahlin von König Karl I. von Württemberg. Im Jahr 1864 wurde Königin Olga zur Regimentschefin ernannt, eine Ehre, die sich in der Chiffre auf den Schulterklappen der Uniformen widerspiegelte. Nach dem Abschluss der Militärkonvention mit dem Norddeutschen Bund vom 21./25. November 1870 erhielt das Regiment am 2. Oktober 1871 die Bezeichnung 1. Württembergisches Infanterie-Regiment Königin Olga, um es von den Truppen anderer deutscher Staaten zu unterscheiden. Am 14. Dezember 1874 erfolgte die endgültige Schreibweise und Nummerierung als Grenadier-Regiment Königin Olga (1. Württembergisches) Nr. 119. Im Jahr 1914 war das Regiment als Teil des XIII. Armeekorps in Stuttgart garnisioniert.
Der dunkelblaue Waffenrock repräsentiert die Paradeuniform im Stil vor 1910, die auch nach der Einführung der feldgrauen M1910-Uniform für den Felddienst weiterhin in Gebrauch blieb. Eine Allerhöchste Kabinettsorder vom 28. Februar 1910 kündigte die Einführung der neuen deutschen feldgrauen Uniform an, bekannt als M1907/10 Waffenrock. Diese neue Uniform war ausschließlich für den Felddienst vorgesehen, während die alten dunkelblauen Uniformen für alle anderen Anlässe beibehalten wurden. Die vorliegende Uniform als privates Eigentumsstück stammt aus der Zeit um 1910 und verkörpert diese Übergangsphase in der deutschen Uniformgeschichte.
Die besondere Bedeutung dieses Ensembles liegt in seiner Zugehörigkeit zu einem Fahnenträger, einer Position, die zeremonielles Prestige mit militärischer Verantwortung verband. Fahnenträger der Fußtruppen wurden von den Regimentskommandeuren ernannt und erhielten spezielle Abzeichen und Ausrüstungsgegenstände. Gemäß der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 15. Juni 1898 wurden das Ärmelabzeichen, der Ringkragen und das Fahnenträger-Seitengewehr eingeführt. Der Fahnenträger trug ein Abzeichen auf dem Waffenrock, einen Ringkragen, der bei jedem Dienst zu tragen war, bei dem der Helm getragen wurde, sowie ein besonderes Seitengewehr. Falls der Fahnenträger nicht bereits das Offiziersseitengewehr trug, wurde ihm dieses spezielle Seitengewehr verliehen. Die Fahnenträger erschienen auch dann ohne Gewehr und mit geschlossenem Seitengewehr, wenn die Fahnen nicht mitgeführt wurden.
Das württembergische Ärmelabzeichen für Fahnenträger zeigte die gekrönte Chiffre W mit gekreuzten württembergischen Fahnen auf dunkelblauem Tuchgrund. Der Ringkragen, ein äußerst seltenes Ausstattungsstück für württembergische Fahnenträger, wurde in vergoldeter Ausführung mit aufgelegten gekreuzten württembergischen Fahnen und gekrönter Chiffre W gefertigt. Das vorliegende Ensemble zeigt die charakteristischen Merkmale eines Unteroffiziers in der Funktion als Fahnenträger: Die goldenen Unteroffiziersstressen am Kragen und den Ärmelaufschlägen kennzeichnen den Rang, während die weißen Gardelitzen auf Kragen und Ärmelaufschlägen die besondere Stellung des Regiments hervorheben. Die Schießschnur 3. Stufe mit drei anhängenden Eicheln an der rechten Schulter dokumentiert die Schießfertigkeit des Trägers.
Das besondere Seitengewehr für Fahnenträger mit seiner beidseitig gekehlten Klinge und dem Messinggefäß, das das württembergische Wappen trägt, unterschied sich von den regulären Infanterieseitengewehren. Der Griff mit Rochenhaut und Drahtwicklung sowie die anhängende Unteroffizierstroddel vervollständigten die zeremonielle Ausstattung. Falls ein Fahnenträger den Rang eines Vizefeldwebels innehatte, trug er stattdessen das Infanterieoffiziersschwert IOD 89.
Die Tradition des Regiments wurde nach dem Ersten Weltkrieg in der Reichswehr fortgeführt, doch das Regiment selbst hörte 1919 mit der Auflösung der deutschen Kaiserlichen Armee auf zu bestehen. Die dunkelblauen Paradeuniformen wurden während des Ersten Weltkriegs ersetzt und nach 1918 nicht mehr verwendet. Dieses Ensemble repräsentiert somit nicht nur die militärische Pracht der wilhelminischen Ära, sondern auch das Ende einer jahrhundertelangen Uniformtradition.