Mitgliedsabzeichen des Jungdeutschland-Bundes, 1. Form
Das vorliegende Abzeichen gehört zu den materiellen Zeugnissen einer der bedeutendsten Jugendorganisationen des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Als Mitgliedsabzeichen der 1. Form des Jungdeutschland-Bundes dokumentiert es die Zugehörigkeit zu einer Organisation, die in ihrer Blütezeit hunderttausende junger Menschen in ihren Reihen vereinte und deren Geschichte die wechselvollen Jahrzehnte zwischen Kaiserreich und nationalsozialistischer Machtergreifung widerspiegelt.
Gründung und Auftrag
Der Jungdeutschland-Bund wurde 1911 von Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz auf Initiative des Kriegsministeriums gegründet. Die Organisation entstand im Kontext des Preußischen Jugendpflegeerlasses vom Januar 1911, der Elemente der vormilitärischen Erziehung in die allgemeine Jugendarbeit integrierte. Als Dachverband bürgerlicher Jugendvereinigungen verfolgte der Jungdeutschland-Bund das erklärte Ziel der vormilitärischen Erziehung der deutschen Jugend.
Die Gründungsproklamation vom Dezember 1911 ließ keinen Zweifel an der programmatischen Ausrichtung: “Wir brauchen ein starkes Geschlecht für die Zukunft unseres Volkes. Nur eine wehrtüchtige Jugend sichert Staaten und Völkern eine glückliche Zukunft. Das lehrt die Geschichte zu allen Zeiten bis zum gegenwärtigen Augenblick.” Von der Goltz selbst empfahl den deutschen Eltern: “Erzieht eure Kinder in kriegerischem Geist und flößet ihnen von frühester Jugend die Liebe zum Vaterland ein, für das sie sich dereinst zu opfern haben mögen.”
Mitgliedschaft und Struktur
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 hatten sich 35 Organisationen mit rund 680.000 Mitgliedern dem Jungdeutschland-Bund angeschlossen. Darunter befanden sich der Deutsche Pfadfinderbund, Wandervereine, Turnvereine und Sportvereine. Weitere 62.000 Mitglieder gehörten Gruppen an, die dem Jungdeutschland-Bund direkt angegliedert waren. Insgesamt umfasste die Organisation somit rund 742.000 Mitglieder – eine beeindruckende Zahl, die den enormen gesellschaftlichen Einfluss der vormilitärischen Jugenderziehung im Kaiserreich verdeutlicht. Das hier gezeigte Mitgliedsabzeichen wurde von den Angehörigen der angeschlossenen Jugendorganisationen getragen.
Von der Weimarer Republik zur Auflösung
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg stand der Jungdeutschland-Bund am Rande der Auflösung. 1920 wurde das bisherige Programm mit knapper Mehrheit bestätigt. Mit den 1921 verabschiedeten neuen Satzungen unternahm man den Versuch, auch die Arbeiterjugend zu gewinnen: Man wollte “seinen Teil zur Überwindung der Klassengegensätze und zur Begründung einer wahren Volksgemeinschaft” durch die Vereinigung der Jugend aller Stände beitragen. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch.
Als Rüdiger Graf von der Goltz 1924 den Vorsitz übernahm, wandelte er die elf Landesverbände des Jungdeutschland-Bundes in eigenständige Organisationen um, die in der Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Jugend (AVJ) vereinigt wurden. Unter der Führung von Goltz schlug die Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Jugend einen zunehmend rechtsextremen Kurs ein; alldeutsche, völkische und rassistische Ideen wurden vom Verband aufgegriffen.
Die Organisation wurde am 5. Oktober 1933 aufgelöst, nachdem die Nationalsozialisten die Macht konsolidiert hatten. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, stieg die Mitgliederzahl der Hitlerjugend durch die zwangsweise Übernahme anderer Jugendorganisationen dramatisch auf 2.300.000 Mitglieder bis Jahresende. Im Dezember 1936 erklärte ein Gesetz die Hitlerjugend zur einzigen gesetzlich zugelassenen Jugendorganisation in Deutschland. Der Jungdeutschland-Bund gehörte zu den Jugendorganisationen, die vom NS-Regime zwangsweise aufgelöst oder absorbiert wurden.
Das Abzeichen
Das vorliegende Stück ist als Nadelabzeichen mit horizontaler Nadelkonstruktion ausgeführt. Die Rückseite trägt die Herstellermarkierung K. Hoffmann Krefeld. Die Bezeichnung als “1. Form” deutet darauf hin, dass im Laufe der Organisationsgeschichte mehrere Abzeichenvarianten existierten. Für Sammler dokumentiert dieses Abzeichen ein bedeutsames Kapitel der deutschen Jugendorganisationsgeschichte und stellt ein wichtiges Sammlungsstück im Bereich der wilhelminischen und Weimarer Jugendverbände dar.