Deutsches Kaiserreich, Dienstglas 6 x 30

Fernglas ohne Strichplatte, klare Optik, Markierung "Marineglas, 590002, 6 x" und Herstellermarkierung "Carl Zeiss Jena", mit Trageriemen. Okularmuschel beschädigt, eine Schraube fehlt, rechte Schutzkappe vom Objektiv fehlt. Anbei ein schwarzer Lederköcher mit Trageriemen, der Verschluss fehlt. Zustand 3.
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160,00

Deutsches Kaiserreich, Dienstglas 6 x 30

Das Carl Zeiss Jena Dienstglas 6 x 30 repräsentiert eine bedeutende Entwicklung in der militärischen Optiktechnologie des Deutschen Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik. Dieses spezielle Fernglas, gekennzeichnet als “Marineglas”, war ein präzises optisches Instrument, das hauptsächlich von der Kaiserlichen Marine und später von der Reichsmarine eingesetzt wurde.

Carl Zeiss in Jena etablierte sich bereits im 19. Jahrhundert als weltweit führender Hersteller optischer Präzisionsinstrumente. Die Firma, gegründet 1846 von Carl Zeiss, revolutionierte die Optikherstellung durch die Zusammenarbeit mit dem Physiker Ernst Abbe und dem Glastechniker Otto Schott. Diese Partnerschaft führte zur Entwicklung wissenschaftlich berechneter Linsensysteme und spezieller optischer Gläser, die deutschen Militäroptiken eine unerreichte Qualität verliehen.

Die Bezeichnung 6 x 30 beschreibt die optischen Eigenschaften: eine sechsfache Vergrößerung bei einem Objektivdurchmesser von 30 Millimetern. Diese Spezifikation war besonders für maritime Anwendungen geeignet, da sie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vergrößerung, Sichtfeld und Lichtstärke bot. Bei der Seefahrt war ein relativ weites Sichtfeld wichtiger als extreme Vergrößerung, da Schiffe in Bewegung beobachtet werden mussten.

Die Kaiserliche Marine erkannte früh die strategische Bedeutung hochwertiger Optik. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden systematisch Ferngläser verschiedener Größen und Spezifikationen beschafft. Das 6 x 30 Format war besonders beliebt bei Offizieren und Wachpersonal, da es kompakt genug für den ständigen Einsatz war, aber dennoch ausreichende optische Leistung bot. Größere Ferngläser wie 7 x 50 oder 10 x 50 waren für spezielle Aufgaben auf Brücken und Ausgucksposten reserviert.

Die Seriennummer 590002 deutet auf eine Produktion in einer umfangreichen Serie hin, wahrscheinlich während oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Carl Zeiss produzierte während des Krieges Zehntausende optischer Instrumente für die Streitkräfte. Die Qualitätskontrolle blieb trotz der Massenproduktion auf höchstem Niveau, was die Langlebigkeit vieler dieser Instrumente erklärt.

Ein charakteristisches Merkmal von Marinegläsern war das Fehlen einer Strichplatte (Retikel), wie auch bei diesem Exemplar. Während Artillerie- und Zielfernrohre Strichplatten zur Entfernungsbestimmung benötigten, waren reine Beobachtungsferngläser davon meist frei, um ein ungestörtes Sichtbild zu gewährleisten. Die Marine verfügte über separate Instrumente zur Entfernungsmessung, insbesondere die großen Entfernungsmesser auf Kriegsschiffen.

Die Konstruktion von Zeiss-Ferngläsern folgte strengen militärischen Spezifikationen. Das Gehäuse war typischerweise aus Messing gefertigt und mit schwarzer oder dunkelgrüner Farbe lackiert oder mit Leder bezogen. Die mechanischen Komponenten waren auf Robustheit und Zuverlässigkeit unter maritimen Bedingungen ausgelegt – Salzwasser, Feuchtigkeit und mechanische Erschütterungen mussten widerstanden werden.

Der mitgelieferte schwarze Lederköcher war Standard bei militärischen Ferngläsern. Diese Köcher schützten das empfindliche Instrument bei Nichtgebrauch und während des Transports. Die Lederwaren wurden oft von spezialisierten Zulieferern gefertigt, die nach militärischen Vorgaben arbeiteten. Der Trageriemen ermöglichte das bequeme Tragen über der Schulter oder um den Hals.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag von 1919 unterlag die deutsche Militärproduktion strengen Beschränkungen. Viele militärische Optiken wurden demilitarisiert oder an Zivilisten verkauft. Die Reichsmarine, die Nachfolgerin der Kaiserlichen Marine, durfte nur begrenzte Streitkräfte unterhalten, benötigte aber weiterhin hochwertige Optik. Carl Zeiss produzierte daher sowohl für militärische als auch zivile Märkte, wobei die technischen Standards nahezu identisch blieben.

Die optische Qualität von Carl Zeiss Jena war legendär. Die Vergütung der Linsen, eine Zeiss-Innovation der 1930er Jahre, verbesserte die Lichtdurchlässigkeit erheblich. Ältere Modelle wie dieses 6 x 30 hatten noch unvergütete Optik, lieferten aber dennoch bemerkenswert klare und scharfe Bilder. Die Präzision der mechanischen Fokussierung und die Stabilität der Justierung waren beispielhaft.

Heute sind diese historischen Marinegläser gesuchte Sammlerstücke, die einen wichtigen Teil der deutschen Marinegeschichte repräsentieren. Sie dokumentieren den hohen technologischen Stand der deutschen Optik-industrie und die Bedeutung, die das Kaiserreich der maritimen Aufklärung beimaß. Trotz ihres Alters von über einem Jahrhundert liefern viele dieser Instrumente noch immer brauchbare optische Leistung – ein Zeugnis der außergewöhnlichen Fertigungsqualität von Carl Zeiss Jena.

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