Preußische Modell 1915 Pickelhaube für Mannschaften der Garde-Infanterie-Regimenter
Die Pickelhaube gehört zu den ikonischsten Symbolen des preußischen und deutschen Militärwesens. Am 23. Oktober 1842 durch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen per königlicher Kabinettorder eingeführt, verbreitete sich die Nutzung der Pickelhaube rasch über die übrigen deutschen Fürstentümer. Eine kaiserliche Proklamation von 1871 machte die Pickelhaube schließlich für alle deutschen Truppen verbindlich. Über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg blieb sie ein zentrales Element der militärischen Identität – bis die Realitäten des Ersten Weltkriegs ihre Ablösung erzwangen.
Das vorliegende Stück ist eine Modell 1915 (M1915) Pickelhaube, die letzte Ausführung dieses legendären Helmtyps, bevor er durch den Stahlhelm ersetzt wurde. Die grundlegende Konstruktion der Pickelhaube bestand aus gehärtetem (gekochtem) Leder, das mit einer glänzend-schwarzen Oberfläche versehen und durch Metallbeschläge verstärkt wurde. Im Kontext des Krieges wurde die Fertigung jedoch erheblich vereinfacht: Gemäß den Vorschriften von 1915 wurden sämtliche Beschläge nicht mehr aus Messing, Silber oder Tombak, sondern aus grau oxidiertem Stahl gefertigt – eine direkte Folge der kriegsbedingten Rohstoffknappheit. Alle vor und während 1914 produzierten Helme bestanden aus Leder, doch mit fortschreitender Kriegsdauer schwanden Deutschlands Ledervorräte. Nach umfangreichen Importen aus Südamerika, insbesondere aus Argentinien, begann die deutsche Regierung mit der Produktion von Ersatz-Pickelhauben, und ab 1915 wurden einige sogar aus dünnem Stahlblech, gepresstem Filz oder gar Papier hergestellt.
Bei dem hier beschriebenen Exemplar handelt es sich um ein Kammerstück aus dem Jahr 1915, das den Stempel «K.B.A.G 1915» auf dem Nackenschirm trägt – ein Hinweis auf die Ausgabe durch ein preußisches Garde-Bekleidungsamt. Im Vorderschirm ist schwach der Trägername «P. Michel» zu erkennen. Die Helmgröße beträgt etwa 54 cm. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden die meisten staatlich ausgegebenen Helme mit Tintenstempeln versehen, die das Akzeptanzjahr, die Regimentsnummer, Bataillon und Kompanie sowie in vielen Fällen die Helmgröße in Zentimetern angaben – üblicherweise auf der Unterseite des hinteren Schirms oder im Helminneren.
Als Helm der preußischen Garde-Infanterie weist dieses Stück die charakteristische Frontplatte auf: einen gekrönten preußischen Staatsadler, der Zepter und Schwert hält, ergänzt durch einen großen achtzackigen Stern aus Neusilber in der Mitte – das Emblem des Schwarzen Adlerordens. Diese spezifische Konfiguration mit großem Gardeadler und Gardestern wurde von verschiedenen Garde-Einheiten getragen, darunter das 2. Garde-Regiment zu Fuß (I. und II. Bataillon), das 3. bis 5. Garde-Regiment zu Fuß, das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 (I. und II. Bataillon) sowie die Garde-Grenadier-Regimenter Nr. 3 bis 5. Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal der Garde-Einheiten: Sie trugen niemals Regimentsnummern oder andere Verzierungen auf dem Feldüberzug.
Eine bedeutende Neuerung des M1915 war die Einführung einer abnehmbaren Spitze sowie eines ledernen M91-Sturmriemens, der die bisherigen metallenen Schuppenketten ersetzte. Dies entsprach der pragmatischen Vereinfachung der Ausrüstung unter Kriegsbedingungen. Das vorliegende Stück besitzt den originalen Ledersturmriemen an Knopf 91, beide Kokarden (Reichs- und Landeskokarde), eine Nackenschiene mit Belüftungsschieber sowie eine Spitze mit Bajonett-Verschluss. Das Innere ist mit einem gelaschten Lederfutter versehen.
Der historische Hintergrund dieses Helmtyps ist untrennbar mit dem Niedergang der Pickelhaube selbst verbunden. Der Untergang der Pickelhaube begann auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs als Folge der zunehmenden Kopfverletzungen, die deutsche Soldaten erlitten – hauptsächlich verursacht durch Granaten- und Geschosssplitter. Als Reaktion auf die Entwicklung moderner Stahlhelme durch die französische Armee Anfang 1915 und die britische Armee im selben Jahr begann die deutsche Armee im November und Dezember 1915 mit eigenen Tests für einen Stahlhelm. Die Produktion neuer Stahlhelme begann im Frühjahr 1916, und nach der Einführung des M16-Stahlhelms wurde die Pickelhaube nur noch bei zeremoniellen Anlässen getragen.
Was die Überlieferung solcher Stücke betrifft, so ist bemerkenswert, dass laut der Armeezeitung The Stars and Stripes vom 7. Februar 1919 insgesamt 85.750 Helme der preußischen Garde in Koblenz eingelagert und nach Amerika verschifft wurden, um dort den Verkauf von Liberty Bonds (Kriegsanleihen) zu unterstützen. Viele weitere Pickelhauben wurden von alliierten Soldaten als Kriegssouvenirs mitgenommen.
Die Pickelhaube lebt bis heute als Teil der Parade- und Zeremonieuniform verschiedener Militär- und Polizeieinheiten fort, darunter die Leibgarde Schwedens, die Nationale Republikanische Garde Portugals sowie Militärakademien in Chile, Kolumbien, Venezuela und Ecuador.
Das vorliegende Exemplar, deutlich getragen und im Zustand 2-3, ist ein authentisches Zeugnis jener Übergangsphase, in der die preußische Armee zwischen Tradition und den grausamen Erfordernissen der modernen Kriegsführung stand. Als Kammerstück der Garde-Infanterie verkörpert es sowohl den Stolz der preußischen Gardetruppen als auch die materielle Not, die den Ersten Weltkrieg für Deutschland zunehmend prägte.