Preußen Reservistenbild "Anton Wöhlers Lehr-Compagnie Artillerie-Lehrschule Berlin"
Das vorliegende Reservistenbild aus der Zeit vor 1886 dokumentiert die Militärdienstzeit von Anton Wöhlers bei der Lehr-Compagnie der Artillerie-Lehrschule Berlin. Solche Erinnerungsbilder stellen eine bedeutende Quellengattung für die preußisch-deutsche Militärgeschichte des Kaiserreichs dar und gewähren Einblicke in die Soldatenkultur sowie das Selbstverständnis der Reservisten im ausgehenden 19. Jahrhundert.
Die Artillerie-Lehrschule Berlin hatte eine herausragende Bedeutung für die Ausbildung des preußischen Artilleriekorps. Nach der Reorganisation der preußischen Armee in den 1860er Jahren wurde die Notwendigkeit einer systematischen und wissenschaftlich fundierten Artillerieausbildung erkannt. Die Lehrschule diente der Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren sowie der Entwicklung und Erprobung neuer taktischer Verfahren und technischer Innovationen im Artilleriewesen. Die Lehr-Compagnie bildete dabei eine besondere Einheit, die sowohl für Ausbildungszwecke als auch für Demonstrations- und Versuchszwecke eingesetzt wurde.
Die zeitliche Einordnung des Bildes “vor 1886” ergibt sich aus der Darstellung der abgebildeten Regenten: Kaiser Wilhelm I. (regierte 1871-1888) und König Ludwig II. von Bayern (regierte 1864-1886). Ludwig II. starb unter mysteriösen Umständen am 13. Juni 1886 im Starnberger See, was einen eindeutigen terminus ante quem für die Entstehung dieses Bildes liefert. Die Abbildung mehrerer deutscher Fürsten auf Reservistenbildern war üblich und unterstrich die föderale Struktur des Deutschen Kaiserreichs sowie die Loyalität der Soldaten zu ihren jeweiligen Landesherren und dem Kaiser.
Reservistenbilder entwickelten sich ab den 1870er Jahren zu einem Massenphänomen. Nach Ableistung der aktiven Dienstzeit – in Preußen in der Regel drei Jahre bei der Infanterie und vier Jahre bei der Artillerie – wechselten die Soldaten in die Reserve. Der Abschied vom aktiven Dienst wurde häufig durch die Anfertigung solcher Erinnerungsbilder begangen. Diese wurden entweder als Lithographien, chromolithographische Drucke oder in gemischter Technik mit teilweiser Kolorierung hergestellt, wie es bei diesem Exemplar der Fall ist.
Die Ikonographie dieser Bilder folgte bestimmten Konventionen: Typischerweise zeigten sie im Zentrum den Reservisten selbst in Uniform, oft umgeben von seinen Kameraden oder bei militärischen Tätigkeiten. Häufig wurden militärische Szenen aus dem Dienstalltag dargestellt – Exerzieren, Wachdienst, Manöver oder auch gesellige Szenen aus der Kaserne. Die Randgestaltung enthielt üblicherweise Porträts der Monarchen, Wappen, militärische Symbole wie Kanonen, Fahnen, Pickelhauben oder Orden sowie Veduten bedeutender Städte und Kasernen.
Die teilweise Kolorierung verlieh den Bildern eine besondere ästhetische Qualität und erhöhte ihren Wert als Erinnerungsstück. Die Farbgebung betonte wichtige Elemente wie die Uniformen, Fahnen und herrscherlichen Porträts. Die handwerkliche Qualität solcher Arbeiten variierte erheblich – von einfachen Drucken bis zu aufwendig gestalteten und kolorierten Exemplaren.
Der Holzrahmen, in dem das Bild präsentiert wird, entspricht der zeitgenössischen Praxis. Solche Rahmen waren meist schlicht gehalten, bisweilen mit einer Goldleiste verziert. Die Reservistenbilder wurden in den Wohnstuben der Familien prominent aufgehängt und dokumentierten die erfüllte Wehrpflicht sowie den Stolz auf den geleisteten Dienst für König und Vaterland.
Die sozialgeschichtliche Bedeutung dieser Objekte ist beträchtlich: Sie spiegeln die Militarisierung der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich wider. Der Militärdienst galt als Ehre und Pflicht jedes wehrfähigen Mannes. Die Reservistenbilder dienten der Identitätsstiftung und der Integration in die nationale Gemeinschaft. Sie dokumentieren auch die Reservistenkultur mit ihren eigenen Ritualen, Liedern und Bräuchen.
Für die Artillerie als Waffengattung war das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts eine Zeit rasanter technischer Entwicklung. Die Einführung gezogener Geschütze, Hinterlader und später der Rohrrücklaufbremse revolutionierten die Artillerietaktik. Die Artillerie-Lehrschule Berlin spielte eine zentrale Rolle bei der Vermittlung dieser Neuerungen und der Ausbildung des Personals.
Heute sind solche Reservistenbilder wichtige militärhistorische Quellen und gesuchte Sammlerobjekte. Sie dokumentieren nicht nur militärische Strukturen und Uniformierung, sondern auch Mentalitäten, regionale Besonderheiten und die visuelle Kultur des Kaiserreichs. Der Erhaltungszustand mit nur kleinen Rahmenbeschädigungen ist als gut zu bewerten und trägt zum historischen und materiellen Wert des Objekts bei.