Lineol - Heer Verwundeter an Krücken gehend
Lineol gehörte zu den bedeutendsten deutschen Herstellern von Massefiguren im 20. Jahrhundert. Die Firma, gegründet 1906 von Oskar Wiederhholz in Brandenburg an der Havel, produzierte bis in die 1940er Jahre hinein detailreiche militärische und zivile Spielfiguren aus einer speziellen Kunststoffmasse. Die vorliegende Figur eines verwundeten Heeres-Soldaten an Krücken repräsentiert einen besonderen Aspekt der militärischen Spielzeugproduktion dieser Ära: die Darstellung der Realitäten des Krieges, einschließlich seiner verheerenden Folgen für die Soldaten.
In den 1930er und frühen 1940er Jahren erweiterte Lineol sein Sortiment erheblich und produzierte neben marschierenden Soldaten, Offizieren und Fahrzeugen auch Figuren, die das militärische Leben in seiner Gesamtheit darstellten. Dazu gehörten Sanitätspersonal, Verwundete und Lazarettszenen. Diese Figuren waren nicht primär als Glorifizierung des Krieges gedacht, sondern sollten realistische Spielszenarien ermöglichen und das gesamte Spektrum militärischen Lebens abbilden.
Die Herstellungstechnik von Lineol unterschied sich deutlich von der anderer Hersteller wie Elastolin. Die Figuren wurden aus einer Masse gefertigt, die hauptsächlich aus Kasein (einem Milcheiweiß), Kaolin, Kreide und anderen Füllstoffen bestand. Diese Mischung wurde um einen Drahtrahmen modelliert, was den Figuren Stabilität verlieh. Nach der Trocknung wurden die Figuren handbemalt, wobei die Qualität der Bemalung je nach Preisklasse und Produktionsjahr variierte.
Die Darstellung verwundeter Soldaten in Spielzeugform wirft aus heutiger Sicht komplexe Fragen auf. Im historischen Kontext der 1930er und 1940er Jahre dienten solche Figuren jedoch mehreren Zwecken: Sie ermöglichten realistische Spielszenarien, vermittelten Kindern ein vollständigeres Bild militärischer Realität und konnten auch in Dioramen und Sammlungen verwendet werden, die historische Schlachten oder militärische Szenen nachstellten.
Die medizinische Versorgung verwundeter Soldaten hatte in der Wehrmacht hohe Priorität. Das Sanitätswesen der Wehrmacht war komplex organisiert und umfasste Truppenverbandplätze, Hauptverbandplätze und Feldlazarette. Verwundete Soldaten, die gehfähig blieben, erhielten Krücken oder andere Gehhilfen und wurden, sofern möglich, in Genesungseinheiten oder Heimatlazarette überführt. Die Darstellung eines Soldaten an Krücken spiegelt diese historische Realität wider.
Lineol-Figuren wurden in verschiedenen Größen produziert, wobei 7,5 cm eine der Standardgrößen darstellte. Diese Größe ermöglichte ausreichend Detail für eine überzeugende Darstellung, blieb aber handlich für das Spiel. Die Figuren waren mit zeitgenössischen Uniformen, Ausrüstungsgegenständen und Rangabzeichen versehen, die mit bemerkenswerter Detailtreue wiedergegeben wurden.
Der Zustand 2- (nach der üblichen Sammlerskala von 1 bis 6, wobei 1 mint und 6 sehr schlecht bedeutet) deutet darauf hin, dass diese Figur nur leichte Gebrauchsspuren aufweist. Dies ist für Lineol-Figuren bemerkenswert, da die Masse empfindlich gegenüber Feuchtigkeit und mechanischer Belastung war. Viele Figuren haben im Laufe der Jahrzehnte Risse entwickelt, Farbabplatzer erlitten oder sind sogar zerbrochen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion von Lineol kurzzeitig wieder aufgenommen, konzentrierte sich aber auf zivile Themen. Die militärischen Figuren aus der Vorkriegs- und Kriegszeit sind heute gesuchte Sammlerstücke, die sowohl aus spielzeughistorischer als auch aus militärhistorischer Perspektive von Interesse sind. Sie dokumentieren nicht nur die Fertigungskunst der damaligen Zeit, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung und Darstellung des Militärs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Sammler und Historiker schätzen Lineol-Figuren heute wegen ihrer historischen Authentizität, ihrer handwerklichen Qualität und ihrer Rolle als Zeitdokumente. Die Figur eines verwundeten Soldaten erinnert dabei auf besonders eindringliche Weise an die menschlichen Kosten militärischer Konflikte und steht im Kontrast zu den oft heroisierten Darstellungen marschierender Truppen.