Oldenburgischer Landeskriegerverein 1870-71, großes Mitgliedsabzeichen

Buntmetall vergoldet, teils emailliert, rückseitig an Quernadel, Zustand 2.
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120,00

Oldenburgischer Landeskriegerverein 1870-71, großes Mitgliedsabzeichen

Das Oldenburgische Landeskriegerverein-Abzeichen für den Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71 repräsentiert ein bedeutendes Kapitel der deutschen Militärgeschichte und der Veteranenkultur des späten 19. Jahrhunderts. Dieses große Mitgliedsabzeichen aus vergoldetem Buntmetall mit partieller Emaillierung verkörpert die Erinnerungskultur eines deutschen Kleinstaates nach dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich.

Das Großherzogtum Oldenburg war ein deutscher Bundesstaat im Nordwesten des Deutschen Bundes und später des Deutschen Kaiserreichs. Obwohl territorial relativ klein, stellte Oldenburg im Krieg von 1870-71 ein eigenes Infanterieregiment, das Oldenburgische Infanterie-Regiment Nr. 91, sowie weitere militärische Kontingente. Diese Truppen nahmen an entscheidenden Schlachten des Krieges teil, darunter die Belagerung von Paris und verschiedene Gefechte während des Vormarsches auf die französische Hauptstadt.

Nach der siegreichen Beendigung des Krieges und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 in Versailles entwickelte sich in allen deutschen Staaten eine ausgeprägte Veteranenbewegung. Die Kriegervereine wurden zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Organisationen im Kaiserreich. Sie dienten nicht nur der Kameradschaftspflege unter ehemaligen Soldaten, sondern auch der Aufrechterhaltung militärischer Tugenden und patriotischer Gesinnung in der Zivilgesellschaft.

Der Oldenburgische Landeskriegerverein wurde als Dachorganisation für die lokalen Kriegervereine im Großherzogtum gegründet. Diese Organisationsstruktur war typisch für die deutschen Bundesstaaten: Lokale Vereine schlossen sich zu Landes- oder Provinzialverbänden zusammen, die wiederum dem Kyffhäuserbund, dem deutschen Reichskriegerverband, angehörten. Der Kyffhäuserbund wurde 1900 gegründet und vereinte bis 1914 über 30.000 Einzelvereine mit mehr als 2,8 Millionen Mitgliedern.

Das hier beschriebene Abzeichen als großes Mitgliedsabzeichen deutet auf eine besondere Ausführung hin, möglicherweise für Vorstandsmitglieder oder verdiente Veteranen. Die Herstellung erfolgte aus vergoldetem Buntmetall, wobei einzelne Bereiche emailliert wurden. Diese Fertigungstechnik war für Vereinsabzeichen der Kaiserzeit charakteristisch. Die Emaillierung ermöglichte die Darstellung von Landesfarben und Wappen in leuchtenden, dauerhaften Farben. Für Oldenburg waren dies traditionell die Farben Blau und Rot.

Die rückseitige Quernadel diente der Befestigung des Abzeichens an der Zivilkleidung, typischerweise am Revers des Rockes. Im Gegensatz zu militärischen Orden, die nur zu bestimmten Anlässen und in Uniform getragen wurden, konnten Vereinsabzeichen im Alltag getragen werden und zeugten öffentlich von der Veteranenzugehörigkeit und Kriegsteilnahme.

Die Ikonographie solcher Abzeichen folgte üblicherweise bestimmten Mustern: Häufig waren das oldenburgische Staatswappen, Eichenlaub als Symbol für Stärke und Beständigkeit, gekreuzte Gewehre oder Kanonen sowie Jahreszahlen des Krieges 1870-71 abgebildet. Manche Exemplare trugen auch Inschriften wie “Gott mit uns”, den preußischen Wahlspruch, oder patriotische Losungen.

Die soziale Bedeutung der Kriegervereine im Kaiserreich kann kaum überschätzt werden. Sie waren weit mehr als reine Veteranenorganisationen. Sie übernahmen wichtige soziale Funktionen: Unterstützung bedürftiger Veteranen und deren Witwen, Organisation von Gedenkfeiern und Denkmalseinweihungen, sowie die Pflege eines spezifischen Geschichtsbildes vom Krieg 1870-71. Dieser wurde als “Einigungskrieg” verklärt, der die deutsche Nationalstaatsgründung besiegelt hatte.

Die Mitgliedschaft in einem Kriegerverein brachte soziales Prestige mit sich. Die regelmäßigen Treffen, Ausflüge und Feierlichkeiten strukturierten das gesellschaftliche Leben vieler Gemeinden. Besonders die Sedanfeiern am 2. September, dem Jahrestag der entscheidenden Schlacht von Sedan, entwickelten sich zu nationalen Feiertagen, bevor der offizielle Reichsgründungstag am 18. Januar etabliert wurde.

Die handwerkliche Qualität solcher Abzeichen variierte je nach Hersteller und Preisklasse. Renommierte Firmen wie Godet & Sohn in Berlin oder verschiedene Pforzheimer Schmuckmanufakturen fertigten hochwertige Exemplare. Das vorliegende Stück in Zustand 2 weist auf eine gute Erhaltung hin, mit möglicherweise leichten Gebrauchsspuren, aber ohne wesentliche Beschädigungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie 1918 verloren diese Abzeichen ihre ursprüngliche gesellschaftliche Funktion. Die Kriegervereine selbst existierten teilweise weiter, wurden aber in der Weimarer Republik zunehmend politisiert. 1933 wurden sie gleichgeschaltet und verloren ihre Eigenständigkeit. Nach 1945 waren solche Organisationen in der sowjetischen Besatzungszone verboten, während sie in Westdeutschland in stark veränderter Form als Reservistenverbände teilweise fortbestanden.

Heute sind solche Abzeichen bedeutende militärhistorische Sammlerstücke, die Einblick in die Erinnerungskultur und Veteranenbewegung des Kaiserreichs geben. Sie dokumentieren, wie die deutschen Staaten nach 1871 ihre jeweilige Identität innerhalb des neuen Nationalstaates bewahrten und pflegten.