Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Südwest-Afrika: Passmarke für Eingeborene "Bethanien Pass"

Messing geprägte Paßmarke mit Kaiserkrone , darunter "Bethanien Pass" mit eingeschlagener Nr. 251, oben mit Befestigungsloch. Deutliche Altersspuren, Zustand 2-.
Die Passmarken wurden von der Kaiserliche Schutztruppe an die Eingeborenen ausgegeben, um Grenzkontrollposten passieren zu können.

Weitere Informationen zu dem Thema: https://www.namibiana.de/namibia-information/geschichte-politik-gesellschaft/meldung/eingeborenen-passmarken-in-deutsch-suedwestafrika-peter-haller.html#:~:text=Paßmarken wurden in den folgenden,, Warmbad, Bethanien und Otjiwarongo.
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Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Südwest-Afrika: Passmarke für Eingeborene "Bethanien Pass"

Die Eingeborenen-Passmarke von Bethanien repräsentiert ein bedeutendes, wenn auch problematisches Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia). Diese aus Messing geprägte Marke mit der Kaiserkrone und der Inschrift “Bethanien Pass” diente als Identifikations- und Kontrollmittel für die einheimische Bevölkerung während der deutschen Kolonialherrschaft von 1884 bis 1915.

Historischer Kontext

Nach der Berliner Kongokonferenz von 1884/85 etablierte das Deutsche Kaiserreich seine Herrschaft über Südwestafrika. Die Kaiserliche Schutztruppe, eine koloniale Militäreinheit, wurde mit der Aufrechterhaltung der deutschen Kontrolle beauftragt. Das Passmarkensystem wurde als Teil eines umfassenden Kontroll- und Verwaltungsapparats eingeführt, der die Bewegungsfreiheit der indigenen Bevölkerung stark einschränkte.

Die Einführung der Passmarken erfolgte hauptsächlich nach dem Aufstand der Herero und Nama (1904-1908), einem der dunkelsten Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Nach der brutalen Niederschlagung des Aufstands, die heute als Völkermord anerkannt wird, verschärfte die Kolonialverwaltung ihre Kontrollmaßnahmen erheblich. Die Passmarken wurden zu einem zentralen Instrument dieser repressiven Politik.

Funktion und Verwendung

Die Passmarken wurden in verschiedenen Distrikten ausgegeben, darunter Bethanien, Keetmanshoop, Lüderitzbucht, Gibeon, Warmbad und Otjiwarongo. Jede Marke trug die Bezeichnung ihres Ausstellungsorts und eine individuelle Nummer. Die einheimische Bevölkerung war verpflichtet, diese Marken sichtbar zu tragen, häufig um den Hals an einer Schnur befestigt.

Das System diente mehreren Zwecken: Erstens ermöglichte es die Identifikation von Personen an Kontrollposten und Grenzen. Zweitens kontrollierte es die Arbeitsmigration, da Arbeiter nur mit gültiger Passmarke reisen durften. Drittens diente es der allgemeinen Überwachung und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung.

Bethanien als Ausgabeort

Bethanien, eine Missionsstation der Rheinischen Missionsgesellschaft, wurde 1814 gegründet und war ein bedeutendes Zentrum der Nama-Bevölkerung. Der Ort liegt im Süden Namibias und war strategisch wichtig für die Kontrolle der Region. Die Ausgabe von Passmarken in Bethanien unterstreicht die flächendeckende Implementierung des Kontrollsystems auch in kleineren Verwaltungszentren.

Materielle Beschaffenheit

Die Marken wurden typischerweise aus Messing gefertigt, einem haltbaren Material, das Prägungen gut aufnahm und kostengünstig war. Die Kaiserkrone als Motiv symbolisierte die deutsche imperiale Autorität. Das Befestigungsloch am oberen Rand ermöglichte das Tragen der Marke an einer Schnur oder Kette. Die eingeprägte oder eingeschlagene Nummer diente der individuellen Identifikation und wurde in entsprechenden Registern verzeichnet.

Rechtlicher Rahmen

Das Passmarkensystem wurde durch verschiedene Verordnungen der Kolonialverwaltung legitimiert. Die “Eingeborenenverordnung” von 1907 kodifizierte viele dieser Kontrollmaßnahmen. Verstöße gegen die Passpflicht konnten mit Geldstrafen, körperlicher Züchtigung oder Zwangsarbeit geahndet werden. Dieses System stand exemplarisch für die rassistische Gesetzgebung der Kolonialzeit, die die indigene Bevölkerung systematisch diskriminierte und entrechtete.

Historische Bedeutung und Vermächtnis

Heute sind diese Passmarken wichtige historische Artefakte, die von einem System der Unterdrückung und Kontrolle zeugen. Sie dokumentieren die systematische Diskriminierung und Entrechtung der indigenen Bevölkerung Namibias. In der postkolonialen Geschichtsschreibung und in namibischen Museen werden diese Objekte als Mahnmale gegen Kolonialismus und Rassismus präsentiert.

Die deutsche Kolonialherrschaft in Südwestafrika endete 1915, als südafrikanische Truppen das Gebiet während des Ersten Weltkriegs eroberten. Das Passmarkensystem wurde jedoch in modifizierter Form unter südafrikanischer Herrschaft fortgeführt, insbesondere während der Apartheid-Ära.

Sammlerwert und ethische Überlegungen

Heute befinden sich solche Passmarken in privaten Sammlungen, Museen und Archiven. Ihr Sammlerwert ergibt sich aus ihrer historischen Bedeutung und Seltenheit. Allerdings werfen der Handel und die Sammlung solcher Objekte wichtige ethische Fragen auf, da sie Instrumente der Unterdrückung waren. Viele namibische Stimmen fordern die Rückgabe solcher Artefakte an namibische Institutionen, wo sie im angemessenen historischen Kontext präsentiert werden können.

Die Passmarke von Bethanien steht somit nicht nur für ein Stück Metall mit historischer Prägung, sondern für ein ganzes System kolonialer Herrschaft, das tiefe Spuren in der Geschichte Namibias hinterlassen hat und dessen Auswirkungen bis heute nachwirken.