Ehrenschale aus Meißner Porzellan des Königlich Sächsischen "Infanterie-Regiment 102 1821-1911"
Die prächtige Ehrenschale aus Meißner Porzellan des Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments 102 repräsentiert eine bedeutende Tradition militärischer Erinnerungskultur im Königreich Sachsen und dem Deutschen Kaiserreich. Mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern und dem charakteristischen blauen Dekor unter Glasur verkörpert sie nicht nur höchste kunsthandwerkliche Qualität, sondern auch die tiefe Verbundenheit zwischen königlichem Hof, Porzellanmanufaktur und militärischen Traditionen.
Das Infanterie-Regiment Nr. 102 wurde im Jahr 1821 als Teil der sächsischen Armee aufgestellt und trug zunächst die Bezeichnung 5. Infanterie-Regiment. Nach der Integration der sächsischen Streitkräfte in die preußisch dominierte Reichsarmee erhielt es die Nummer 102 innerhalb der gesamtdeutschen Heeresstruktur. Das Regiment war in Bautzen stationiert und gehörte zur XII. (I. Königlich Sächsischen) Armee-Korps. Die auf der Schale vermerkte Zeitspanne 1821-1911 markiert das 90-jährige Jubiläum dieser traditionsreichen militärischen Einheit.
Die Königliche Porzellan-Manufaktur Meißen, 1710 als erste europäische Porzellanmanufaktur gegründet, unterhielt seit ihrer Entstehung enge Beziehungen zum sächsischen Königshaus und den militärischen Institutionen. Die auf der Rückseite befindliche Schwertermarke - zwei gekreuzte Schwerter in Unterglasurblau - ist das weltberühmte Markenzeichen der Manufaktur und wurde bereits seit 1722 verwendet. Die zusätzliche Nummerierung diente der internen Katalogisierung und Qualitätskontrolle.
Solche Jubiläumsschalen wurden im deutschen Militärwesen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu besonderen Anlässen in Auftrag gegeben. Sie dienten mehreren Zwecken: als Geschenke für verdiente Offiziere, als Auszeichnung für langjährige Regimentsangehörige, oder als Erinnerungsstücke, die in den Offizierskasinos und Regimentsräumen ausgestellt wurden. Die Anfertigung solcher Prunkstücke aus Meißner Porzellan unterstreicht die besondere Wertschätzung und den repräsentativen Charakter dieser Objekte.
Das zentrale Element der Schale bildet die gekrönte Regimentschiffer, die das Regiment eindeutig identifiziert. Solche Chiffren kombinierten typischerweise die Regimentsnummer mit königlichen oder herzoglich-sächsischen Hoheitszeichen. Die Krone symbolisiert die direkte Unterstellung unter den sächsischen König und die besondere Verbindung zwischen Monarch und Armee. Das blaue Dekor unter Glasur war nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch technisch anspruchsvoll - die Unterglasurmalerei erforderte höchste handwerkliche Fertigkeit, da die Farben erst beim Brand ihre endgültige Tönung erhielten.
Das Jahr 1911, in dem diese Schale anlässlich des Jubiläums gefertigt wurde, markiert einen bedeutsamen Zeitpunkt in der deutschen Militärgeschichte. Das Deutsche Kaiserreich befand sich in einer Phase intensiver Aufrüstung und zunehmender internationaler Spannungen, die drei Jahre später zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führen sollten. Die sächsischen Regimenter, einschließlich des IR 102, würden bald darauf in die verheerenden Kämpfe dieses Krieges eintreten.
Die originale Aufhängung der Schale zeigt, dass sie von Anfang an als Wandschmuck konzipiert war. In Offizierskasinos, Regimentsstuben oder privaten Sammlungen wurden solche Ehrenschalen prominent präsentiert und bildeten wichtige Elemente der militärischen Erinnerungskultur. Sie dienten als Gesprächsgegenstand, als Ausdruck von Korpsgeist und Traditionsbewusstsein, und als materielle Verbindung zur Regimentsgeschichte.
Die hervorragende Erhaltung dieser Schale - unbeschädigt und in Zustand 2+ - ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sie die turbulenten Jahrzehnte zweier Weltkriege, das Ende der Monarchie 1918, die Wirren der Weimarer Republik, die NS-Zeit und die Nachkriegszeit überdauert hat. Viele solcher militärischen Erinnerungsstücke gingen in diesen Zeiten verloren oder wurden zerstört, was erhaltene Exemplare heute umso wertvoller macht.
Objekte wie diese Meißner Ehrenschale sind heute wichtige historische Quellen für die Militär-, Kunst- und Kulturgeschichte. Sie dokumentieren nicht nur die Geschichte einzelner Regimenter, sondern auch die Repräsentationskultur des Kaiserreichs, die Bedeutung von Tradition und Ehre im militärischen Kontext, sowie die herausragende Rolle, die Kunsthandwerk und insbesondere die Porzellanmanufaktur Meißen in der höfischen und militärischen Kultur spielten.