Historischer Kontext: Die Division Skanderbeg und die albanischen Muslime in der Waffen-SS
Das vorliegende Werk von Franziska A. Zaugg aus dem Jahr 2016 behandelt ein komplexes und kontroverses Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs: die Rekrutierung muslimischer Albaner für die Waffen-SS und die Bildung der 21. Waffen-Gebirgs-Division der SS “Skanderbeg”.
Die historischen Hintergründe dieser Rekrutierung wurzeln in der deutschen Besatzungspolitik auf dem Balkan zwischen 1941 und 1944. Nach dem schnellen Sieg über Jugoslawien im April 1941 reorganisierten die Achsenmächte die Region nach ihren strategischen Interessen. Das Kosovo und angrenzende Gebiete wurden dem italienisch kontrollierten Großalbanien angegliedert, was bei Teilen der albanischen Bevölkerung auf Zustimmung stieß, da es alte nationale Aspirationen zu erfüllen schien.
Nach der italienischen Kapitulation im September 1943 übernahm Deutschland die direkte Kontrolle über Albanien und das Kosovo. Die SS-Führung unter Heinrich Himmler entwickelte die Idee, muslimische Einheiten in die Waffen-SS zu integrieren, teilweise inspiriert durch die bereits 1943 aufgestellte 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS “Handschar” aus bosnischen Muslimen.
Im Frühjahr 1944 begannen die Rekrutierungsbemühungen für eine albanische SS-Division. Die offizielle Aufstellung der Division erfolgte am 1. Mai 1944 unter dem Namen “Skanderbeg”, benannt nach dem albanischen Nationalhelden Georg Kastriota Skanderbeg (1405-1468), der im 15. Jahrhundert gegen das Osmanische Reich gekämpft hatte. Diese Namensgebung war ein bewusster Versuch, an albanische nationale Traditionen anzuknüpfen.
Die Division erreichte jedoch nie ihre geplante Sollstärke von etwa 10.000 Mann. Schätzungen zufolge wurden zwischen 6.000 und 8.000 Rekruten erfasst, wobei die tatsächliche Kampfstärke deutlich niedriger lag. Die meisten Rekruten stammten aus dem Kosovo und angrenzenden Gebieten. Die Motivationen für den Beitritt waren vielfältig: antikommunistische Haltungen, Hoffnungen auf ein Großalbanien, wirtschaftliche Not, aber auch Zwangsrekrutierungen.
Die militärische Ausbildung und Ausrüstung der Division blieb mangelhaft. Deutsche SS-Offiziere und Unteroffiziere bildeten den Führungsrahmen, während albanische Freiwillige die Mannschaftsdienstgrade stellten. Die Division wurde hauptsächlich für Partisanenbekämpfung und Sicherungsaufgaben eingesetzt, nicht für Frontoperationen.
Der Einsatz der Division war von zahlreichen Problemen geprägt. Die Disziplin war schwach, Desertionsraten hoch, und es kam zu Übergriffen gegen die serbische Zivilbevölkerung im Kosovo. Diese Gewaltakte verschärften die ethnischen Spannungen in der Region, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee und der jugoslawischen Partisanen unter Josip Broz Tito im Herbst 1944 löste sich die Division faktisch auf. Viele Albaner desertierten oder liefen zu den Partisanen über. Im November 1944 wurde die Division offiziell aufgelöst, die verbliebenen Einheiten wurden anderen SS-Formationen zugeordnet.
Franziska A. Zauggs Forschungsarbeit basiert auf umfangreichen Archivstudien in deutschen, österreichischen und albanischen Archiven. Sie analysiert die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Dimensionen dieser Kollaboration und ordnet sie in den größeren Kontext der nationalsozialistischen Balkanpolitik ein. Das Werk untersucht auch die Nachkriegszeit und den Umgang mit dieser Geschichte in Albanien, Kosovo und Deutschland.
Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Publikation liegt in ihrer differenzierten Betrachtung eines lange tabuisierten Themas. Sie vermeidet sowohl Verharmlosung als auch pauschale Verurteilung und versucht stattdessen, die komplexen historischen Umstände zu rekonstruieren. Das Buch trägt zum Verständnis der SS-Rekrutierungspolitik in nicht-deutschen Gebieten bei und beleuchtet die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Identitäten durch das nationalsozialistische Regime.
Für die historische Forschung zur Waffen-SS, zur deutschen Besatzungspolitik auf dem Balkan und zur Geschichte des Kosovo im Zweiten Weltkrieg stellt dieses Werk eine wichtige Quellenarbeit dar. Es dokumentiert, wie das NS-Regime versuchte, regionale Konflikte und nationale Aspirationen für seine Kriegsziele zu nutzen, und welche langfristigen Folgen diese Politik hatte.