Maidenbrosche der Landfrauenschule Wöltingerode bei Goslar

mit 800 Silberstempel, an Nadel. Zustand 2.
478383
200,00

Maidenbrosche der Landfrauenschule Wöltingerode bei Goslar

Die Maidenbrosche der Landfrauenschule Wöltingerode bei Goslar stellt ein faszinierendes Zeugnis der deutschen Frauenbildungsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts dar. Dieses aus 800er Silber gefertigte Abzeichen repräsentiert eine bedeutende Institution im Kontext der ländlichen Hauswirtschaftsausbildung und der nationalsozialistischen Frauenpolitik.

Die Landfrauenschule Wöltingerode befand sich in der Nähe von Goslar im Harz und war Teil eines umfassenden Netzwerks von Bildungseinrichtungen, die seit dem späten 19. Jahrhundert zur Förderung der ländlichen Hauswirtschaft und Landwirtschaft etabliert wurden. Solche Schulen entstanden zunächst aus der Erkenntnis, dass die Modernisierung der Landwirtschaft auch eine Professionalisierung der hauswirtschaftlichen Tätigkeiten erforderte. Das Kloster Wöltingerode, ursprünglich ein Zisterzienserinnenkloster aus dem 12. Jahrhundert, bot mit seinen historischen Gebäuden einen geeigneten Rahmen für diese Bildungseinrichtung.

In den 1920er und 1930er Jahren erlebten die Landfrauenschulen eine Expansion und wurden zunehmend in die nationalsozialistische Ideologie eingebunden. Nach der Machtübernahme 1933 wurden diese Einrichtungen systematisch in die NS-Frauenorganisationen integriert, insbesondere in das NS-Frauenwerk und den Reichsnährstand. Die Ausbildung verband praktische hauswirtschaftliche Fertigkeiten mit ideologischer Schulung im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Die Maiden-Broschen oder Abzeichen dienten als Kennzeichen für Schülerinnen oder Absolventinnen dieser Bildungseinrichtungen. Die Verwendung von 800er Silber, einem in Deutschland gebräuchlichen Silberstandard, deutet auf die offizielle Natur und Wertigkeit dieser Auszeichnung hin. Der Silberstempel garantierte die Materialqualität und entsprach den reichsgesetzlichen Vorschriften für Edelmetallwaren, die im Gesetz über den Feingehalt der Gold- und Silberwaren von 1884 (mit späteren Ergänzungen) geregelt waren.

Die typische Gestaltung solcher Broschen für Landfrauenschulen umfasste häufig regionale oder institutionelle Symbole, stilisierte landwirtschaftliche Motive oder Embleme, die auf die spezifische Einrichtung hinwiesen. Die Nadelbefestigung ermöglichte das Tragen an der Kleidung, meist an der Bluse oder am Dirndl, und diente sowohl als Erkennungszeichen als auch als Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bildungsinstitution.

Der historische Kontext der Landfrauenbewegung reicht zurück bis ins späte Kaiserreich. Die erste deutsche Landwirtschaftsschule für Frauen wurde bereits 1897 in Bad Weilbach gegründet. Diese Bewegung war eng verbunden mit Persönlichkeiten wie Ida von Kortzfleisch und Elisabeth Boehm, die als Pionierinnen der ländlichen Frauenbildung galten. Die Schulen boten meist mehrmonatige Kurse an, in denen Hauswirtschaft, Gartenbau, Kleintierhaltung, Gesundheitslehre und Kinderpflege unterrichtet wurden.

In der NS-Zeit wurde diese Ausbildung mit der Ideologie der “Blut und Boden”-Politik verknüpft. Die ländliche Frau wurde als “Hüterin” der bäuerlichen Tradition und als wichtiger Faktor für die “Wehrhaftmachung des Volkes” propagiert. Die Reichsfrauenführung unter Gertrud Scholtz-Klink übte direkte Kontrolle über die Ausbildungsinhalte aus. Gleichzeitig dienten diese Schulen tatsächlich der Vermittlung praktischer Fähigkeiten, die für das Leben auf dem Land unerlässlich waren.

Nach 1945 wurden viele dieser Einrichtungen entweder geschlossen oder unter neuer Leitung und mit entideologisiertem Lehrplan weitergeführt. Die Landfrauenschulen in der Bundesrepublik entwickelten sich zu modernen hauswirtschaftlichen Bildungszentren, während in der DDR ähnliche Funktionen von den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften übernommen wurden.

Sammlerstücke wie diese Brosche sind heute wichtige Dokumente für die Erforschung der Alltags- und Geschlechtergeschichte im 20. Jahrhundert. Sie dokumentieren die Professionalisierung der Hauswirtschaft, die Entwicklung weiblicher Bildungswege im ländlichen Raum und die Instrumentalisierung dieser Institutionen durch das NS-Regime. Die Erhaltung solcher Objekte in Zustand 2 (sehr gut) macht sie besonders wertvoll für museale und wissenschaftliche Zwecke.