Das vorliegende Objekt ist ein Preußischer Karabiner Modell 1857 (offiziell: Zündnadelkarabiner M/57), gefertigt von der Manufaktur Nicolas Dreyse in Sömmerda. Es handelt sich um ein kompaktes Kavalleriegewehr mit dem revolutionären Zündnadel-System, das die Kriegsführung des 19. Jahrhunderts grundlegend veränderte. Dieses spezifische Exemplar wurde 1858 produziert, 1861 abgenommen und dem Husaren-Regiment „Fürst Blücher von Wahlstatt“ (Pommersches) Nr. 5 zugeteilt, wie der Kammerstempel «H 5. 2.80» auf dem Schaftbeschlag belegt.
Die Revolution des Zündnadelgewehrs
Die Geschichte des Zündnadelgewehrs beginnt mit Johann Nikolaus von Dreyse, der ab 1827 in Sömmerda an der Entwicklung eines neuartigen Hinterladersystems arbeitete. 1836 eingeführt, war das Zündnadelgewehr das erste in Massenproduktion hergestellte Hinterladergewehr, das für den militärischen Einsatz geeignet war. Die Serienproduktion begann 1840, und verschiedene Varianten dienten der preußischen Armee hauptsächlich von 1848 bis 1876.
Das Zündnadelsystem stellte einen gewaltigen technologischen Fortschritt dar: Statt wie bisher von vorne durch den Lauf zu laden, konnte der Soldat die Patrone von hinten in die Kammer einführen und den Verschluss schließen. Dies ermöglichte eine wesentlich höhere Feuergeschwindigkeit und erlaubte das Laden in liegender Position – ein taktischer Vorteil, der sich in zahlreichen Schlachten als entscheidend erweisen sollte.
Der Karabiner M/57 – eine Waffe für die Kavallerie
Der Zündnadelkarabiner M/57 wurde am 9. April 1857 offiziell eingeführt. Es handelt sich um eine kompakte Version des Zündnadelgewehrs, die speziell für den Einsatz durch berittene Truppen konzipiert wurde. Mit einer Gesamtlänge von nur etwa 80 cm (rund 31,5 Zoll) und einem verkürzten Lauf von 15 Zoll war der Karabiner deutlich handlicher als das Infanteriegewehr und konnte bequem vom Sattel aus geführt werden. Der Karabiner besaß ein Kaliber von 15,4 mm mit breiter Vierfelderzüge-Zügelung und verwendete eine kürzere Patrone mit geringerer Pulverladung, um den Rückstoß besser kontrollierbar zu machen. Auf eine Bajonettbefestigung wurde verzichtet; stattdessen befanden sich Sattelringe hinter dem Abzugsbügel zur Befestigung am Pferdegeschirr.
Der Karabiner wurde in zwei Varianten gefertigt: dem M/55 und dem M/57, die sich lediglich im Laufmaterial unterschieden – der M/55 besaß einen Lauf aus Gussstahl, während der M/57 einen Stahllauf hatte. Die Garnituren bestanden aus einer Kombination von Eisen und Messing, der Schaft war aus traditionellem preußischem Buchenholz gefertigt. Die Produktion des Karabiners M/57 wurde bis etwa 1873 fortgesetzt, wobei neben der Manufaktur Dreyse in Sömmerda nach 1866 auch die Adolf-Crause-Fabrik in Herzberg an der Fertigung beteiligt war.
Einsatz bei Dragonern und Husaren
Die ersten Karabiner M/57 wurden ab 1859 ausgegeben, zunächst an 16 Reiter pro Schwadron, bevor schließlich eine vollständige Bewaffnung erreicht wurde. Die Waffe wurde an Dragoner- und Husaren-Regimenter als Verteidigungswaffe ausgegeben, da die Reiter im Einklang mit der traditionellen europäischen Kavallerie-Doktrin vorrangig mit dem Säbel angreifen sollten. Ulanen und Kürassiere erhielten den M/57 hingegen nicht, sondern verließen sich auf ihre traditionellen Offensivwaffen – Lanze und Säbel – und wurden stattdessen mit veralteten Perkussionspistolen der Modelle M/1850 und M/1823 (Glattrohr) ausgestattet.
Das Husaren-Regiment Nr. 5
Das Husaren-Regiment „Fürst Blücher von Wahlstatt“ (Pommersches) Nr. 5 war ein Kavallerie-Verband der preußischen Armee mit Garnisonsstandorten in Stolp, Schlawe, Belgard und Köslin in Pommern. Das Regiment war der 4. Kavallerie-Brigade der 2. Kavallerie-Division zugeteilt und nahm an der Schlacht von Sedan während des Deutsch-Französischen Krieges 1870–71 teil. Der Namenspatron, Fürst Blücher von Wahlstatt, verweist auf den berühmten preußischen Feldmarschall der Befreiungskriege und unterstreicht die stolze Tradition dieses Regiments.
Bewährungsprobe und Ablösung
Die überlegene Feuerkraft der preußischen Zündnadelwaffen erwies sich im Deutschen Krieg (Preußisch-Österreichischer Krieg) von 1866 als kriegsentscheidend und führte dazu, dass auch andere Staaten ihre Infanteriebewaffnung auf Hinterlader umstellten. Die Karabiner M/57 wurden nicht nur von preußischen Einheiten genutzt, sondern fanden auch bei der sächsischen und bayerischen Kavallerie Verwendung. Mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 erlebten diese Karabiner einen verbreiteten Einsatz bei den berittenen Regimentern der deutschen Staaten.
Doch trotz des Sieges über Frankreich erkannten die Preußen, dass ihre Zündnadelwaffen inzwischen veraltet waren. 1871 wurde das neue Repetiergewehr nach dem System von Paul Mauser, das Gewehr M/71, eingeführt. Die obsoleten Karabiner wurden daraufhin zunehmend an Sekundärtruppen wie Krankenträger und Trainmannschaften abgegeben. Bis 1876 waren die Zündnadelwaffen vollständig aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, als das Gewehr M/71 an alle Truppenteile ausgegeben worden war.
Bedeutung für Sammler
Dieses Exemplar vereint mehrere für Sammler bedeutsame Eigenschaften: die Fertigung durch die originale Dreyse-Manufaktur in Sömmerda, die eindeutige Zuordnung zu einem historisch bedeutsamen Kavallerie-Regiment durch den Kammerstempel «H 5», sowie die Produktions- und Abnahmedaten, die eine präzise zeitliche Einordnung ermöglichen. Das Produktionsjahr 1858 und die Abnahme von 1861 machen dieses Stück zu einem frühen Vertreter des Modells, das in einer Epoche grundlegenden waffentechnischen Wandels entstand.