Národní Souručenství (NS) – Die “Nationale Gemeinschaft” im Protektorat Böhmen und Mähren
Die vorliegende Mitgliedsspange repräsentiert eine der umstrittensten politischen Organisationen in der Geschichte der tschechischen Länder während des Zweiten Weltkriegs. Das Národní Souručenství, auf Deutsch etwa “Nationale Gemeinschaft”, war von 1939 bis 1945 die einzige zugelassene politische Organisation im Protektorat Böhmen und Mähren, jenem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei, das nach der deutschen Besetzung im März 1939 unter direkte Kontrolle des Deutschen Reiches geriet.
Die Gründung der NS erfolgte am 2. Mai 1939 auf Initiative von Rudolf Beran, dem letzten Ministerpräsidenten der Zweiten Tschechoslowakischen Republik und ersten Ministerpräsidenten des Protektorats. Die Organisation sollte als Sammelbecken aller loyalen Tschechen dienen und war als Versuch konzipiert, einen gewissen Grad an tschechischer Autonomie innerhalb des nationalsozialistischen Systems zu bewahren. In der Praxis jedoch unterstand die NS der strengen Kontrolle der deutschen Besatzungsmacht und diente vor allem als Instrument zur Kollaboration und Gleichschaltung der tschechischen Bevölkerung.
Die Struktur der Národní Souručenství orientierte sich bewusst an faschistischen und nationalsozialistischen Vorbildern, auch wenn die Organisation formal keine Partei war, sondern sich als überparteiliche “Bewegung” definierte. Die NS verfügte über eine hierarchische Organisation mit Ortsgruppen, Kreisleitungen und einer zentralen Führung. Die Mitgliedschaft war zwar formal freiwillig, doch übten die deutschen Behörden und ihre tschechischen Kollaborateure erheblichen Druck auf Staatsbedienstete, Lehrer und andere öffentliche Angestellte aus, der Organisation beizutreten.
Mitgliedsabzeichen und -spangen wie das hier beschriebene Objekt dienten zur öffentlichen Demonstration der Zugehörigkeit zur NS. Diese wurden an der Kleidung getragen und signalisierten Loyalität gegenüber dem Protektoratsregime. Die Gestaltung solcher Abzeichen folgte häufig den symbolischen Konventionen der Zeit, mit Bezügen zur tschechischen nationalen Symbolik, die jedoch im Kontext der Kollaboration eine völlig veränderte Bedeutung erhielt.
Die politische Ausrichtung der NS war von inneren Widersprüchen geprägt. Während einige Mitglieder und Funktionäre tatsächlich an eine begrenzte Form der tschechischen Selbstverwaltung unter deutscher Oberherrschaft glaubten, erkannten andere die Organisation als notwendiges Übel zur Wahrung nationaler Interessen an. Wiederum andere waren überzeugte Kollaborateure, die von der Zusammenarbeit mit dem NS-Regime profitierten. Die deutsche Besatzungsmacht betrachtete die NS primär als Kontrollinstrument und Mittel zur Mobilisierung der tschechischen Bevölkerung für die Kriegswirtschaft.
Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, den stellvertretenden Reichsprotektor, im Mai 1942 und den darauffolgenden brutalen Repressalien verlor die NS weiter an Glaubwürdigkeit in der tschechischen Bevölkerung. Die Organisation wurde zunehmend als Werkzeug der Besatzung wahrgenommen, und ihre Mitgliedschaft bedeutete in den Augen vieler Tschechen Verrat an der nationalen Sache.
Mit der Befreiung der Tschechoslowakei im Mai 1945 wurde die Národní Souručenství aufgelöst und ihre führenden Mitglieder zur Rechenschaft gezogen. Viele Funktionäre wurden wegen Kollaboration angeklagt und verurteilt. Die Mitgliedschaft in der NS wurde in der Nachkriegszeit zu einem erheblichen Stigma, und Mitgliedsabzeichen wie die beschriebene Spange wurden entweder zerstört oder – wie in diesem Fall – als historische Zeugnisse einer dunklen Epoche aufbewahrt.
Heute stellen solche Objekte wichtige Quellen für die Geschichtswissenschaft dar. Sie dokumentieren die komplexe Realität der deutschen Besatzung und die schwierigen moralischen Entscheidungen, vor denen die tschechische Bevölkerung stand. Die Bewahrung und wissenschaftliche Untersuchung solcher Artefakte ermöglicht es, die Mechanismen von Kollaboration, Widerstand und Überleben unter totalitärer Herrschaft besser zu verstehen. Die Národní Souručenství bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie politische Organisationen zur Instrumentalisierung nationaler Gefühle im Dienste einer Besatzungsmacht missbraucht werden können.