Unter den persönlichen Gegenständen, die aus dem innersten Kreis der nationalsozialistischen Führung überliefert sind, nimmt dieses handgefertigte Poesiealbum eine besondere Stellung ein. Es handelt sich um ein Unikat von höchster buchbinderischer Qualität, das Adolf Hitler seinem Patenkind Edda Göring zu deren sechstem Geburtstag am 2. Juni 1944 überreichte. Das Album vereint die materielle Opulenz der nationalsozialistischen Herrschaftsrepräsentation mit der privaten Sphäre der NS-Führungselite und ist damit ein außergewöhnliches Zeugnis einer Epoche, in der persönliche Beziehungen und politische Macht untrennbar verwoben waren.
Das Objekt: Meisterwerk der Buchbinderkunst
Das Album wurde von dem Buchbindermeister Hans Zieher in Bonn handgefertigt. Zieher war Schüler an der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg in der Eifel, einer zwischen 1936 und 1938 unter der Leitung von Werner Peiner errichteten und von Hermann Göring als Schirmherr geförderten Kunstakademie, die von 1938 bis 1944 in Betrieb war. Peiner ließ dort eigens eine Buchbinderwerkstatt für Zieher einrichten, in der dieser Pergamentmappen und Präsentationsobjekte für Geschenke an Hitler und Göring herstellte. Zieher galt als einer der bedeutendsten Buchbinder seiner Zeit.
Das Album selbst ist im Stil mittelalterlicher Handschriften gestaltet. Es besitzt einen Pergamenteinband mit Goldrandverzierung und einen Goldschnitt an der Oberkante. Auf dem Buchdeckel sind die Initialen “E G” in erhabenem Blattgold angebracht. Im Inneren zeigt die dritte Seite das Wappen der Familie Göring in Golddruck. Die fünfte Seite trägt ein großes, handgemaltes Ex Libris mit der Aufschrift “Edda Göring zu Eigen” und einer Märchendarstellung von “Goldmarie und Pechmarie”, teilweise mit Blattgold verziert. Auf der inneren Vorderseite am unteren Rand findet sich die goldgeprägte Signatur des Buchbindermeisters Hans Zieher. Die Maße betragen 20,5 × 27,5 cm, und das Album wird von einem originalen Schuber begleitet.
Die eigenhändige Widmung Hitlers in schwarzer Tinte auf der zweiten Seite des Albums lautet: “Mit den besten Glücks- und Segenswünschen – Adolf Hitler 2/ Juni 1944”. Das Album wurde über diese Widmung hinaus nie weiter beschrieben – es blieb leer, ein stilles Zeugnis einer Kindheit, die bald darauf in den Trümmern des Regimes enden sollte.
Das Patenkind: Edda Göring
Edda Carin Wilhelmine Göring wurde am 2. Juni 1938 als einziges Kind des Reichsmarschalls Hermann Göring und der Schauspielerin Emmy Sonnemann geboren. Am 4. November 1938 wurde sie in Carinhall, dem herrschaftlichen Landsitz ihres Vaters, getauft – Adolf Hitler selbst übernahm die Patenschaft. Edda wurde in der Propaganda des Dritten Reiches als eine Art “kleine Prinzessin” gefeiert und erhielt während ihrer Kindheit zahlreiche extravagante Geschenke.
Das hier beschriebene Poesiealbum ist ein Dokument dieser privilegierten, aber zugleich von der Geschichte überschatteten Kindheit. Es belegt die fortdauernde persönliche Beziehung Hitlers zur Familie Göring selbst in einer Phase, in der das nationalsozialistische Regime seinem Untergang entgegenging.
Der historische Kontext: Juni 1944
Der Zeitpunkt der Geschenkübergabe ist von besonderer historischer Tragweite. Am 2. Juni 1944, dem Tag von Eddas sechstem Geburtstag und dem Datum der Widmung, befand sich der Zweite Weltkrieg in seiner entscheidenden Endphase. Nur vier Tage später, am 6. Juni 1944, begann mit der alliierten Landung in der Normandie die Invasion, die den Anfang vom Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Westeuropa markierte. Während Hitler in jenen Tagen ein liebevolles Poesiealbum für ein sechsjähriges Mädchen signierte, bereiteten die alliierten Streitkräfte den größten amphibischen Angriff der Militärgeschichte vor.
Die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg, an der Zieher tätig war, stellte im selben Jahr 1944 ihren Betrieb ein. Sie hatte seit 1938 als eine von den Nationalsozialisten genehmigte Kunstakademie fungiert, die monumentale Werke und Präsentationsgegenstände für das Regime produzierte. Das Poesiealbum gehört somit zu den letzten Erzeugnissen dieser Institution.
Nachkriegsgeschichte und Provenienz
Nach der deutschen Niederlage wurde Edda Göring zusammen mit ihren Eltern am 21. Mai 1945 von US-amerikanischen Truppen im Lager Camp Ashcan in Mondorf, Luxemburg interniert. Hermann Göring beging am 15. Oktober 1946 in Nürnberg Selbstmord durch Zyankali, bevor sein Todesurteil vollstreckt werden konnte. Edda und ihre Mutter Emmy führten in den folgenden Jahren zahlreiche Rechtsstreitigkeiten um beschlagnahmtes Familieneigentum.
Edda Göring lebte nach dem Krieg in München und arbeitete als medizinisch-technische Assistentin und Rechtsanwaltsgehilfin. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Bis zu ihrem Tod am 21. Dezember 2018 in München im Alter von 80 Jahren verteidigte sie das Andenken ihres Vaters.
Das Poesiealbum verblieb in Eddas Besitz, bis sie es 1978 persönlich dem griechischen Sammler Michael Xilas übergab. Aus dessen Nachlass stammt das Stück. Ein Foto, das Edda und Michael Xilas gemeinsam zeigt, ist dem Album beigefügt.
Bedeutung für die Sammlerwelt
Dieses Poesiealbum ist ein einzigartiges Unikat, das mehrere Dimensionen historischer Bedeutung vereint: die persönliche Widmung Adolf Hitlers, die Verbindung zur Familie des zweitmächtigsten Mannes des Dritten Reiches, die meisterhafte Handwerkskunst eines der bedeutendsten Buchbinder seiner Zeit sowie die unmittelbare Nähe zu einem der entscheidendsten Wendepunkte des Zweiten Weltkrieges. Das leere Album – nie mit Poesie gefüllt – steht als stummes Symbol für eine Kindheit, die durch den Zusammenbruch des Regimes abrupt beendet wurde, und für eine Welt, die nur wenige Tage nach seiner Überreichung unwiderruflich zu zerfallen begann.