Das vorliegende Werk von Dr. Jürgen Kraus und Adolf Schlicht über die deutsche Reichswehr stellt ein umfassendes Standardwerk zur Uniformierung und Ausrüstung des deutschen Reichsheeres zwischen 1919 und 1932 dar. Diese historische Periode markiert einen fundamentalen Wendepunkt in der deutschen Militärgeschichte, in dem nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs und den Bestimmungen des Versailler Vertrags eine völlig neue Armee geschaffen werden musste.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 und der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne befand sich Deutschland in einer politischen und militärischen Umbruchsituation. Der Versailler Vertrag von 1919 beschränkte die deutsche Armee auf lediglich 100.000 Mann, verbot schwere Waffen, Panzer und Luftstreitkräfte und erzwang eine grundlegende Neuorganisation der militärischen Strukturen. Aus diesem historischen Kontext entstand die Reichswehr der Weimarer Republik, die sich in ihrer Konzeption, Organisation und auch in ihrer äußeren Erscheinung deutlich von den kaiserlichen Streitkräften unterscheiden sollte.
Die experimentelle Phase der vorläufigen Reichswehr von 1919 bis 1920 war geprägt von der Suche nach einer neuen militärischen Identität. In dieser Übergangszeit wurden verschiedene Uniformierungs- und Abzeichensysteme erprobt, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Die Verantwortlichen strebten danach, eine klare Abgrenzung zur kaiserlichen Armee zu schaffen und gleichzeitig eine moderne, funktionale Bekleidung zu entwickeln. Diese Phase war von erheblicher Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet, wobei verschiedene unkonventionelle Lösungen für Rangabzeichen, Waffengattungsabzeichen und andere Kennzeichnungen ausprobiert wurden.
Mit der Etablierung der endgültigen Reichswehr im Jahre 1920 fand die Uniformierung ihre definitive Form. Interessanterweise kehrte man dabei zu traditionelleren Elementen zurück, schuf aber gleichzeitig erstmalig eine moderne Einheitsuniform mit einem völlig neuen System von Abzeichen. Diese Uniformierung knüpfte bewusst an die Erfahrungen und praktischen Erkenntnisse aus dem Ersten Weltkrieg an, integrierte aber moderne Konzepte der Einheitlichkeit und Funktionalität. Die feldgraue Uniform wurde beibehalten, aber in ihrer Gestaltung vereinfacht und standardisiert.
Das besprochene Werk dokumentiert detailliert alle Komponenten dieser Uniformierung: von den verschiedenen Bekleidungsstücken wie Feldbluse, Mantel, Mützen und Helmen über das umfangreiche System der Rangabzeichen und Waffengattungsabzeichen bis hin zur persönlichen Ausrüstung der Soldaten. Besonders wertvoll ist dabei die wissenschaftliche Fundierung durch umfangreiche Quellenforschungen in militärischen Archiven und die Auswertung von Originalverordnungen und Bekleidungsvorschriften.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der fotografischen Dokumentation von Originalobjekten aus dem Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, das eine der bedeutendsten Sammlungen von Reichswehr-Uniformen und -Ausrüstung beherbergt. Ergänzt werden diese durch Bestände aus dem Wehrgeschichtlichen Museum in Rastatt und aus Privatsammlungen. Die Sammlung umfasst auch seltene Originalproben und Musterstücke, die für die Entwicklung und Standardisierung der Uniformierung verwendet wurden.
Die zeitgenössischen Fotografien im Buch zeigen die tatsächliche Trageweise der Uniformen und Ausrüstungsgegenstände im militärischen Alltag der Reichswehr. Diese Abbildungen sind von besonderem historischem Wert, da sie die praktische Anwendung und die Variationen in der Trageweise dokumentieren, die in offiziellen Vorschriften oft nicht festgehalten wurden. Viele dieser Ausrüstungsgegenstände wurden später auch in der Wehrmacht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiterverwendet, was ihre praktische Bewährung unterstreicht.
Die Reichswehr-Periode war auch eine Zeit intensiver militärischer Professionalisierung. Die auf 100.000 Mann begrenzte Armee wurde zu einer hochqualifizierten Berufsarmee, in der jeder Unteroffizier potentiell zum Offizier und jeder Offizier zum höheren Kommandeur ausgebildet wurde. Diese Qualität spiegelte sich auch in der sorgfältigen Ausführung und dem guten Zustand der Uniformen und Ausrüstung wider.
Das monumentale Format des Werks mit seinen circa 1000 Fotografien und Abbildungen auf 464 Seiten ermöglicht eine detaillierte Betrachtung auch kleinster Details wie Knöpfe, Verschlüsse, Nähte und Materialstrukturen. Diese akribische Dokumentation macht das Buch zu einem unverzichtbaren Referenzwerk für Militärhistoriker, Sammler, Museumskuratoren und alle, die sich mit der deutschen Militärgeschichte der Zwischenkriegszeit beschäftigen.