Dieses außergewöhnliche Dokument vom 30. Juni 1934 stellt ein historisches Zeitzeugnis von unmittelbarer Bedeutung dar, das direkt mit einem der dramatischsten und folgenreichsten Ereignisse der nationalsozialistischen Herrschaft verbunden ist: der sogenannten “Röhm-Putsch” oder “Nacht der langen Messer”. Als offizielles Informationsblatt der SA-Standarte 61 verkündet es die Absetzung des SA-Stabschefs Ernst Röhm und dokumentiert damit einen Wendepunkt in der Machtstruktur des Dritten Reiches.
Die Sturmabteilung (SA) war seit den frühen 1920er Jahren die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP. Unter der Führung Ernst Röhms seit 1931 wuchs sie zu einer gewaltigen Organisation mit mehreren Millionen Mitgliedern heran. Röhm, ein Kriegsveteran und enger Weggefährte Hitlers aus den Anfangstagen der Bewegung, verfolgte ambitionierte Pläne für seine SA. Er strebte danach, die SA zur Grundlage einer neuen Volksarmee zu machen und dabei die traditionelle Reichswehr zu ersetzen oder zumindest zu absorbieren. Diese Ambitionen brachten ihn zunehmend in Konflikt mit der militärischen Führung, der Industrie und letztlich auch mit Hitler selbst.
Im Frühjahr 1934 spitzte sich die Situation dramatisch zu. Die Reichswehr, unter Führung von Werner von Blomberg und Werner von Fritsch, betrachtete Röhms Pläne als existenzielle Bedrohung. Gleichzeitig nutzte die aufstrebende SS unter Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich die Gelegenheit, ihren Rivalen auszuschalten. Sie verbreiteten Gerüchte über einen angeblich geplanten SA-Putsch gegen Hitler. Historische Forschungen haben jedoch nie überzeugende Beweise für solche Putschpläne gefunden. Vielmehr handelte es sich um eine präventive Säuberungsaktion Hitlers, der sowohl die SA als Machtfaktor beschneiden als auch die Loyalität der Reichswehr sichern wollte.
Am Morgen des 29. Juni 1934 befahl Röhm seinen SA-Führern, ab dem 1. Juli in Urlaub zu gehen, und kündigte an, selbst eine Kur in Bad Wiessee in Bayern anzutreten. In den frühen Morgenstunden des 30. Juni erschien Hitler persönlich mit bewaffneten SS- und Polizeikräften im Hotel Hanselbauer in Bad Wiessee und ließ Röhm und weitere SA-Führer verhaften. Parallel dazu wurden in Berlin, München und anderen Städten weitere SA-Führer und politische Gegner festgenommen oder sofort erschossen.
Das vorliegende Dokument, ein DIN-A4-Blatt der SA-Standarte 61, gibt den Erlass Adolf Hitlers wieder, der durch die Reichspressestelle der NSDAP verbreitet wurde. Es verkündet, dass Ernst Röhm seiner Stellung enthoben und aus Partei sowie SA ausgestoßen wurde. Gleichzeitig wird Viktor Lutze, zuvor SA-Obergruppenführer und Polizeipräsident von Hannover, zum neuen Chef des Stabes ernannt. Das Blatt informiert außerdem die Kameraden der Standarte 61, dass das geplante Standartentreffen ausfällt – ein Detail, das die unmittelbare organisatorische Auswirkung der Ereignisse auf lokaler Ebene illustriert.
Ernst Röhm wurde ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Hitler zögerte zunächst, seinen alten Kampfgefährten töten zu lassen. Doch am 1. Juli erhielt Röhm die Aufforderung, Selbstmord zu begehen. Als er sich weigerte, wurde er von Theodor Eicke, dem Kommandanten des KZ Dachau, und dessen Adjutanten Michael Lippert in Zelle 70 erschossen. Die Gesamtzahl der Opfer der Säuberungsaktion wird auf 150 bis über 200 Personen geschätzt, darunter SA-Führer, konservative Kritiker wie Kurt von Schleicher und Gustav Ritter von Kahr, sowie weitere missliebige Personen.
Die Ereignisse vom 30. Juni 1934 markierten einen fundamentalen Machtwechsel. Die SA wurde ihrer politischen Bedeutung beraubt und zur reinen Hilfsorganisation degradiert. Die SS hingegen stieg zur dominierenden Macht- und Terrororganisation auf. Hitler festigte seine absolute Kontrolle und demonstrierte, dass er bereit war, selbst engste Weggefährten zu opfern. Die Reichswehr, die von der Ausschaltung der SA profitierte, band sich damit noch enger an Hitler. Rechtlich legitimiert wurden die Morde nachträglich durch ein Gesetz vom 3. Juli 1934, das die Tötungen als “Staatsnotwehr” erklärte – ein beispielloser Akt der Selbstermächtigung.
Dokumente wie dieses Informationsblatt sind von außerordentlicher historischer Bedeutung. Sie dokumentieren nicht nur die offiziellen Verlautbarungen, sondern geben auch Einblick in die Kommunikationswege innerhalb der SA-Struktur. Die Standarte als organisatorische Einheit entsprach etwa einem Regiment und umfasste mehrere Sturmbanne. Die direkte Information der Mitglieder über so einschneidende Ereignisse zeigt die Notwendigkeit, die Kontrolle über die Organisation zu wahren und weitere Unruhen zu verhindern. Der erhaltene Zustand des Dokuments – zweifach gefaltet und mit einem Ausriss – bezeugt seine authentische Nutzung als Informationsträger in jenen dramatischen Tagen.