Preußen Reservistenkrug für den Reservisten "Holthausen" im Westfälischen Ulanen-Regiment Nr. 5
Der Reservistenkrug stellt eines der faszinierendsten Zeugnisse deutscher Militärkultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts dar. Diese charakteristischen Steingut- oder Porzellankrüge wurden von Soldaten zum Abschluss ihrer aktiven Dienstzeit in Auftrag gegeben und dienten als bleibende Erinnerung an die Militärjahre.
Das vorliegende Exemplar gehörte einem Reservisten namens Holthausen, der seinen Dienst im Westfälischen Ulanen-Regiment Nr. 5 absolvierte. Das Regiment hatte 1909 seinen Standort in Düsseldorf, was die geografische und zeitliche Einordnung dieses Kruges ermöglicht.
Das Westfälische Ulanen-Regiment Nr. 5 wurde 1815 als Husaren-Regiment gegründet und 1853 in ein Ulanen-Regiment umgewandelt. Die Ulanen waren leichte Kavallerie, deren charakteristische Uniformen und Lanzen auf polnische Vorbilder zurückgingen. Das Regiment gehörte zum VII. Armee-Korps und war in der preußischen Rheinprovinz stationiert. Düsseldorf diente ab 1897 als Garnisonsstadt für dieses prestigeträchtige Regiment.
Die Tradition der Reservistenkrüge entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erreichte ihren Höhepunkt zwischen 1890 und 1914. Nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht durch die preußischen Heeresreformen diente praktisch jeder junge Mann für zwei bis drei Jahre beim Militär. Nach Ableistung der aktiven Dienstzeit wurden die Soldaten in die Reserve überführt, wo sie bis zu ihrem 39. Lebensjahr verblieben und im Kriegsfall mobilisiert werden konnten.
Der Übergang vom aktiven Dienst in die Reserve wurde traditionell als wichtiger Lebensabschnitt begangen. Dabei spielte der Reservistenkrug eine zentrale Rolle. Diese Krüge wurden meist im letzten Dienstjahr bei spezialisierten Manufakturen bestellt, die sich auf militärische Andenken spezialisiert hatten. Besonders bekannt waren die Betriebe in Westerwald, Thüringen und dem Rheinland, die eine hohe handwerkliche Qualität bei der Herstellung glasierten Steinguts erreichten.
Die Gestaltung solcher Krüge folgte festen Konventionen: Sie zeigten typischerweise die Regimentsabzeichen, militärische Szenen aus dem Kasernenleben, Porträts des Kaisers oder anderer Würdenträger sowie persönliche Daten des Reservisten wie Name, Dienstzeit und Garnisonsort. Die reliefierte Oberfläche und die farbige Bemalung verliehen jedem Krug einen individuellen Charakter, obwohl viele Elemente standardisiert waren.
Ein charakteristisches Merkmal war normalerweise der Zinndeckel, der oft mit zusätzlichen militärischen Symbolen verziert war. Das vorliegende Exemplar weist keinen Deckel mehr auf, was bei Sammlerstücken nicht ungewöhnlich ist, da diese Deckel häufig verloren gingen oder separat veräußert wurden. Der Zinndaumen-Hebel mit Scharnieren war mechanisch anfällig und trennte sich im Laufe der Jahrzehnte oft vom Krug.
Die Füllmenge von einem Liter entsprach dem Standard für Reservistenkrüge und reflektierte die gesellige Trinkkultur in den Militärvereinen und Reservistenverbänden, die nach 1871 eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben des Deutschen Kaiserreichs spielten. Diese Vereine pflegten die Kameradschaft und hielten die Erinnerung an die Dienstzeit wach.
Das Jahr 1909 markiert eine Zeit des relativen Friedens und des wachsenden Nationalstolzes im Deutschen Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. Die Armee genoss hohes gesellschaftliches Ansehen, und die Militärdienstzeit galt als ehrenvolle Pflicht und Übergangsritual zum Erwachsenenleben. Die Ulanen-Regimenter waren besonders prestigeträchtig und zogen häufig Söhne aus bürgerlichen und adeligen Familien an.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie verloren diese Krüge ihre zeitgenössische Bedeutung als Ausdruck militärischen Stolzes, entwickelten sich aber zu begehrten Sammlerobjekten. Sie dokumentieren heute eine verschwundene Militär- und Gesellschaftskultur und bieten wertvolle Einblicke in die Sozialgeschichte des Kaiserreichs.
Für Militärhistoriker und Sammler sind Reservistenkrüge wichtige Primärquellen, da sie Informationen über Regimentsstandorte, Uniformierung, militärische Symbolik und die Alltagskultur der Soldaten bewahren. Die handwerkliche Qualität und die individuellen Gestaltungselemente machen jeden Krug zu einem einzigartigen historischen Dokument.