WHW - Gau 10 : Hessen-Nassau - Steingutplakette " NSV - Wir sind Sozialisten der Tat "
Historischer Kontext: WHW-Plakette des Gaues Hessen-Nassau
Die vorliegende glasierte Steingutplakette mit der Aufschrift “NSV - Wir sind Sozialisten der Tat” stellt ein bedeutendes Zeugnis der nationalsozialistischen Wohlfahrts- und Propagandaarbeit während des Dritten Reiches dar. Sie gehört zur umfangreichen Sammlung von Objekten des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes (WHW) und wurde speziell für den Gau 10 Hessen-Nassau hergestellt.
Das Winterhilfswerk wurde im September 1933 als Teil der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) gegründet und entwickelte sich schnell zu einer der größten Massenorganisationen des NS-Regimes. Die NSV selbst war 1932 entstanden und wurde unter der Leitung von Erich Hilgenfeldt zu einer Organisation mit Millionen von Mitgliedern. Das WHW hatte offiziell das Ziel, bedürftigen Deutschen während der Wintermonate mit Lebensmitteln, Kleidung und Brennstoffen zu helfen.
Der Gau Hessen-Nassau war eine der administrativen Einheiten der NSDAP, die 1933 durch die Zusammenlegung der preußischen Provinz Hessen-Nassau mit dem Volksstaat Hessen entstand. Der Gau wurde von Gauleiter Jakob Sprenger geleitet, der von 1933 bis 1945 im Amt war und seinen Sitz in Frankfurt am Main hatte. Diese territoriale Gliederung war charakteristisch für die nationalsozialistische Verwaltungsstruktur, die parallel zur staatlichen Verwaltung existierte.
Die Plakette mit einem Durchmesser von 105 mm zeigt die typische Bauweise solcher WHW-Objekte: Sie ist aus glasiertem Steingut gefertigt und verfügt über zwei seitliche Bohrungen zur Befestigung an Türen oder Wänden. Diese praktische Gestaltung ermöglichte es, die Plakette als sichtbares Zeichen der Teilnahme am Winterhilfswerk öffentlich zu präsentieren. Die graublaue Glasur entspricht der typischen Farbgebung vieler WHW-Produkte dieser Zeit.
Der Slogan “Wir sind Sozialisten der Tat” war ein zentrales Propagandamotiv der NSDAP, das den angeblichen Unterschied zwischen dem nationalsozialistischen “Sozialismus” und dem marxistischen Sozialismus betonen sollte. Diese Phrase wurde besonders in den 1930er Jahren verwendet, um die vermeintliche Volksgemeinschaft und praktische Hilfsbereitschaft des Regimes hervorzuheben. Die Verbindung zur NSV unterstrich den Anspruch, durch konkrete Taten und nicht durch Ideologie zu wirken.
Das Winterhilfswerk organisierte jährlich von Oktober bis März groß angelegte Sammelaktionen. Dabei wurden verschiedenste Abzeichen, Plaketten und andere Objekte gegen Spenden ausgegeben. Die Teilnahme war theoretisch freiwillig, praktisch jedoch bestand enormer sozialer und politischer Druck. Wer nicht spendete oder keine WHW-Abzeichen trug, musste mit Nachteilen rechnen. Die Sammlungen wurden von Hunderttausenden ehrenamtlichen Helfern durchgeführt und erbrachten jährlich dreistellige Millionenbeträge in Reichsmark.
Türplaketten wie die vorliegende hatten eine besondere Funktion im System der sozialen Kontrolle. Sie waren dauerhafter als die monatlich wechselnden Ansteckabzeichen und zeugten von einer längerfristigen Bindung an das WHW. Haushalte, die solche Plaketten an ihren Türen anbrachten, demonstrierten damit ihre Loyalität zum Regime und ihre Teilnahme an der propagierten Volksgemeinschaft.
Die Herstellung dieser Objekte erfolgte in zahlreichen deutschen Manufakturen und Werkstätten. Steingutplaketten wurden oft von traditionellen Keramikbetrieben produziert, die so in die nationalsozialistische Wirtschafts- und Propagandamaschinerie eingebunden wurden. Die Produktion dieser Millionen von Objekten stellte auch einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar.
Nach 1945 wurden WHW-Objekte wie diese Plakette zu historischen Dokumenten einer umfassenden Propaganda- und Kontrollstruktur. Sie belegen die Durchdringung des Alltags durch nationalsozialistische Symbolik und die Mechanismen sozialen Drucks im Dritten Reich. Heute dienen solche Objekte in Museen und Sammlungen der historischen Aufklärung über die Methoden totalitärer Herrschaft und die Instrumentalisierung vermeintlicher Wohltätigkeit für politische Zwecke.
Die Erhaltung und wissenschaftliche Dokumentation solcher Objekte ist wichtig für die historische Forschung und Bildungsarbeit, um zu verstehen, wie das NS-Regime durch scheinbar harmlose Alltagsobjekte seine Ideologie verbreitete und die Bevölkerung kontrollierte.