Aus der Lebensgemeinschaft des Waldes – Ein Raumbildalbum des Dritten Reiches
Inmitten einer Zeit, in der das nationalsozialistische Regime seine Propagandamaschinerie auf Hochtouren laufen ließ, erschien im Jahr 1939 ein bemerkenswertes Werk, das sich auf den ersten Blick von den politisch aufgeladenen Publikationen seiner Epoche abhob: „Aus der Lebensgemeinschaft des Waldes“, ein stereoskopisches Raumbildalbum, das die Natur des deutschen Waldes in dreidimensionalen Fotografien dokumentierte. Verfasst von Dr. Kurt Dieterich und veröffentlicht vom Raumbild-Verlag Otto Schönstein in München, stellte dieses Album eine ungewöhnliche Veröffentlichung in einem Verlagsprogramm dar, das ansonsten überwiegend von politischer und militärischer Propaganda geprägt war.
Der Raumbild-Verlag und seine Geschichte
Der Raumbild-Verlag wurde in den 1930er Jahren von Otto Wilhelm Schönstein (1891–1958) in Dießen am Ammersee gegründet und am 14. Januar 1935 offiziell eingetragen. Schönstein hatte sich auf die Herstellung und den Vertrieb stereoskopischer Fotografie spezialisiert – eine Technik, die dem Betrachter durch die Verwendung spezieller Brillen oder Betrachtungsgeräte einen dreidimensionalen Bildeindruck vermittelte. Der Verlag richtete sich schnell an der Propagandamaschinerie der NSDAP aus und wechselte mehrfach seinen Standort, bevor er sich 1939 endgültig in München niederließ.
Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Verlags war der kommerzielle Erfolg des Albums über die Olympischen Spiele 1936 („Die Olympischen Spiele“). Dieser Erfolg zog die Aufmerksamkeit von Heinrich Hoffmann, dem persönlichen Fotografen Adolf Hitlers, auf sich. Hoffmann wurde stiller Teilhaber mit einer 50-prozentigen Beteiligung am Raumbild-Verlag. Diese Partnerschaft zementierte die enge Verbindung zwischen dem Verlag und dem Dritten Reich – eine Verbindung, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand hatte, obwohl die Produktion neuer Materialien bereits 1942 eingestellt wurde.
Das Album im Detail
Die vorliegende zweite, unveränderte Auflage (II. unveränderte Auflage) des Werkes umfasst 120 Seiten in einem Ganzleineneinband und enthält 150 stereoskopische Fotografien (Raumbilder) sowie 12 Kunstdrucktafeln. Die stereoskopischen Karten wurden im Format 6×13 cm hergestellt und waren für die Verwendung mit dem verlagseigenen ausklappbaren Betrachtungsgerät konzipiert, dem sogenannten „Photoplastikon“ oder „Stereobetrachter“, der mit Glaslinsen – teilweise von Zeiss Jena – ausgestattet war. Die stereoskopischen Karten messen 130 mm in der Breite und 60 mm in der Höhe und tragen auf ihrer Rückseite gedruckte Beschreibungen der jeweiligen Motive. Dem Album lagen zudem eine Gebrauchsanweisung sowie ein Prüfabschnitt bei.
Inhaltlich bot das Werk eine detaillierte Dokumentation des Lebens im deutschen Wald – seiner Tier- und Pflanzenarten, seiner Ökosysteme und seiner jahreszeitlichen Wandlungen. Die Kombination aus naturkundlicher Fotografie und belehrendem Text machte das Album zu einem bildungsorientieren Werk, das sich deutlich von den übrigen, politisch geprägten Veröffentlichungen des Raumbild-Verlags unterschied. In einer Zeit, in der der Verlag hauptsächlich Propagandaalben zu militärischen und politischen Themen produzierte, wirkte das Thema des deutschen Waldes vergleichsweise unspektakulär – und gerade deshalb bemerkenswert.
Historische Einordnung
Die Veröffentlichung dieses Naturkundealbums im Jahr 1939 – am Vorabend des Zweiten Weltkriegs – verdient besondere Beachtung. Der Raumbild-Verlag war zu diesem Zeitpunkt fest in das propagandistische Netzwerk des Regimes eingebunden, und dennoch erschien ein Werk, dessen Inhalt auf den ersten Blick frei von offenkundiger politischer Instrumentalisierung war. Freilich darf nicht vergessen werden, dass auch die Verherrlichung des „deutschen Waldes“ im ideologischen Kontext des Nationalsozialismus eine gewisse symbolische Aufladung besaß – der Wald als Sinnbild deutscher Identität und Verwurzelung spielte in der völkischen Gedankenwelt durchaus eine Rolle.
Nachkriegsgeschichte des Verlags
Nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg änderte der Raumbild-Verlag seine inhaltliche Ausrichtung grundlegend, konzentrierte sich aber weiterhin auf Themen, die für die deutsche Identität relevant waren. Otto Schönstein selbst wurde wegen seiner Beteiligung an der NS-Propaganda vor Gericht gestellt und freigelassen. Er lebte in relativer Vergessenheit und veröffentlichte unter Pseudonymen neue stereoskopische Bildserien im Format 6×13 cm, bis er 1958 verstarb. Der Raumbild-Verlag existierte noch einige Jahrzehnte weiter, stellte seine Tätigkeit jedoch Mitte der 1980er Jahre endgültig ein. Die Archive des Verlags – soweit sie nicht von der amerikanischen Regierung beschlagnahmt worden waren – wechselten mehrfach den Besitzer und befinden sich heute im Bestand des Deutschen Historischen Museums. Ein Exemplar des vorliegenden Werkes wird zudem in der Sammlung der Library of Congress aufbewahrt.
Bedeutung für Sammler
Für Sammler stellt dieses Album ein faszinierendes Zeitdokument dar, das die technische Innovationskraft der stereoskopischen Fotografie der 1930er Jahre mit einem ungewöhnlichen thematischen Schwerpunkt verbindet. Die vollständige Erhaltung aller 150 Raumbilder samt Betrachtungsgerät, wie sie beim vorliegenden Exemplar gegeben ist, erhöht den dokumentarischen und sammlerischen Wert erheblich. Als eines der weniger häufig anzutreffenden nicht-politischen Werke des Raumbild-Verlags bietet es einen einzigartigen Einblick in die Bandbreite des Verlagsprogramms jenseits der bekannten Propagandaalben.