Preußen Patriotika aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 "Zur Erinnerung an die deutschen Helden 1870 - gewidmet den deutschen Frauen"

Gewebtes Seidenblatt 14, 5 x 40 cm, mit den Konterfeis verschiedener deutscher Heerführer und Fürsten, Künstler "J. Chevie G. Amberger Comp.", Verleger "Von der Mühll. Bürgy &Cie Basel, leichte Alterungsspuren, Zustand 2.Sehr selten, in über 30 Jahren haben wir kein weiteres Stück gesehen.
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250,00

Preußen Patriotika aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 "Zur Erinnerung an die deutschen Helden 1870 - gewidmet den deutschen Frauen"

Preußische Patriotika und gewebte Seidenerinnerungen an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71

Das vorliegende Objekt repräsentiert eine faszinierende Kategorie von Erinnerungsstücken aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, einem konfliktreichen Wendepunkt in der europäischen Geschichte, der zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führte. Diese gewebten Seidenblätter, auch als Stevengraphen oder Jacquardwebereien bekannt, waren im späten 19. Jahrhundert eine beliebte Form der patriotischen Erinnerungskunst.

Die Technik der Seidenweberei für solche Erinnerungsstücke basierte auf dem Jacquard-Webstuhl, einer revolutionären Erfindung aus dem frühen 19. Jahrhundert. Diese Technologie ermöglichte es, komplexe Bilder und Porträts direkt in Seide zu weben, anstatt sie zu drucken oder zu malen. Das Ergebnis waren außergewöhnlich detaillierte und haltbare Kunstwerke, die sowohl dekorativ als auch symbolisch wertvoll waren.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 war ein entscheidender Konflikt, der die politische Landkarte Europas neu zeichnete. Nach dem Sieg über Frankreich wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Dieser historische Moment löste eine Welle patriotischer Begeisterung in den deutschen Staaten aus, die sich in zahlreichen Erinnerungsobjekten manifestierte.

Die Widmung “den deutschen Frauen” ist von besonderer historischer Bedeutung. Während des Krieges spielten Frauen eine entscheidende Rolle auf der Heimatfront. Sie organisierten Lazarettvereine, sammelten Spenden, fertigten Verbandsmaterial an und pflegten verwundete Soldaten. Die Arbeit von Organisationen wie dem Vaterländischen Frauenverein, der 1866 gegründet wurde, war während des Krieges von unschätzbarem Wert. Diese Widmung erkannte ihre Beiträge zum Kriegserfolg offiziell an.

Die Darstellung verschiedener Heerführer und Fürsten auf solchen Seidenerinnerungen war typisch für die Zeit. Zu den häufig abgebildeten Persönlichkeiten gehörten König Wilhelm I. von Preußen (der spätere Kaiser), Kronprinz Friedrich Wilhelm, Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, der brillante Stratege des preußischen Sieges, sowie Otto von Bismarck, der “Eiserne Kanzler”, dessen diplomatisches Geschick den Krieg ermöglicht hatte. Weitere häufig dargestellte Personen waren die Könige und Fürsten der verschiedenen deutschen Staaten, die an der Reichsgründung beteiligt waren.

Die Firma “J. Chevie G. Amberger Comp.” als Künstler und “Von der Mühll, Bürgy & Cie Basel” als Verleger weisen auf die Schweizer Seidenindustrie hin, die im 19. Jahrhundert hochentwickelt war. Basel und die umliegende Region waren Zentren der Seidenbandindustrie, und viele Schweizer Firmen produzierten solche Erinnerungsstücke für den deutschen Markt. Die neutrale Position der Schweiz ermöglichte es diesen Unternehmen, für verschiedene Märkte zu produzieren, ohne in politische Konflikte verwickelt zu werden.

Diese gewebten Seidenerinnerungen waren keine Massenware im modernen Sinne. Ihre Herstellung war technisch anspruchsvoll und zeitaufwendig. Jedes Design erforderte die Programmierung des Jacquard-Webstuhls mit einem komplexen System aus Lochkarten, die die Position jedes einzelnen Fadens bestimmten. Die verwendeten Materialien – hochwertige Seide in verschiedenen Farben – waren kostspielig, was diese Objekte zu wertvollen Besitztümern für bürgerliche und adelige Haushalte machte.

Der kulturhistorische Kontext dieser Objekte ist vielschichtig. Sie dienten nicht nur als persönliche Erinnerungsstücke, sondern auch als Instrumente der nationalen Identitätsbildung. In einer Zeit, in der das Deutsche Kaiserreich gerade erst entstanden war und aus einem Flickenteppich unabhängiger Staaten bestand, halfen solche patriotischen Objekte, ein gemeinsames nationales Bewusstsein zu schaffen. Sie wurden in Wohnzimmern ausgestellt, oft gerahmt und an prominenter Stelle platziert, wo sie täglich an den historischen Sieg und die neu gewonnene Einheit erinnerten.

Die Seltenheit solcher Stücke heute ist mehreren Faktoren geschuldet. Seide ist ein empfindliches Material, das anfällig für Lichtschäden, Feuchtigkeit und Insektenbefall ist. Viele dieser Erinnerungsstücke wurden während der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts zerstört oder gingen verloren. Zudem änderten sich politische Einstellungen, insbesondere nach 1945, wodurch viele patriotische Objekte aus der Kaiserzeit aus Privatbesitz entfernt und oft vernichtet wurden.

Heute sind diese gewebten Seidenerinnerungen wichtige historische Dokumente, die Einblick in die Mentalität, Kunstfertigkeit und patriotische Kultur des späten 19. Jahrhunderts bieten. Sie dokumentieren nicht nur militärische Ereignisse, sondern auch soziale Geschichte, Textiltechnologie und die visuelle Kultur einer vergangenen Epoche. Für Sammler und Historiker repräsentieren sie eine greifbare Verbindung zu einem entscheidenden Moment der deutschen und europäischen Geschichte.