III. Reich - Deutsche Gaue - Raumbildalbum
Das Raumbildalbum “Deutsche Gaue” aus dem Jahr 1938 stellt ein faszinierendes Beispiel nationalsozialistischer Propagandamaterialien dar, die moderne Technologie mit ideologischer Bildsprache verbanden. Herausgegeben vom Raumbildverlag Schönstein in Diessen am Ammersee, gehörte dieses Werk zu einer Serie von Stereoskopie-Publikationen, die in den 1930er Jahren populär waren.
Die Stereoskopie oder Raumbildtechnik war keine neue Erfindung der NS-Zeit. Bereits im 19. Jahrhundert hatte sich diese Technik entwickelt, bei der zwei leicht versetzte Bilder durch eine spezielle Betrachtungsbrille ein dreidimensionales Seherlebnis erzeugten. In den 1920er und 1930er Jahren erlebte diese Technologie eine Renaissance, die das NS-Regime geschickt für seine Zwecke nutzte.
Der Raumbildverlag Schönstein war einer der führenden deutschen Verlage für stereoskopische Publikationen. Das Unternehmen produzierte sowohl touristische als auch politisch motivierte Raumbild-Alben. Die Kombination aus innovativer Präsentationstechnik und ideologischem Inhalt machte diese Publikationen zu wirkungsvollen Propagandainstrumenten. Mit 200 Raumbildern bot das Album eine umfassende visuelle Darstellung der deutschen Regionen.
Das Konzept der “Deutschen Gaue” war zentral für die nationalsozialistische Verwaltungsstruktur. Nach der Machtübernahme 1933 wurde Deutschland schrittweise in Gaue unterteilt, die von Gauleitern verwaltet wurden. Diese administrative Gliederung diente nicht nur organisatorischen Zwecken, sondern auch der ideologischen Durchdringung aller Lebensbereiche. Bis 1938, dem Erscheinungsjahr dieses Albums, umfasste das Deutsche Reich bereits zahlreiche Gaue, die nach der Annexion Österreichs im März 1938 (Anschluss) weiter ausgedehnt wurden.
Die bildliche Darstellung der Gaue in Form eines Raumbildalbums erfüllte mehrere propagandistische Funktionen. Erstens vermittelte sie ein Gefühl der Einheit und Größe des “Großdeutschen Reiches”. Zweitens nutzte sie die faszinierende dreidimensionale Technik, um emotionale Bindungen zu Landschaften, Architektur und Menschen zu schaffen. Drittens diente sie der Heimaterziehung und der Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls über regionale Grenzen hinweg.
Der Halbleineneinband mit 191 Seiten zeugt von einer soliden Verarbeitung, die typisch für repräsentative Publikationen dieser Zeit war. Die mitgelieferte Betrachtungsbrille und die Gebrauchsanweisung machten das Album zu einem kompletten System, das auch technisch weniger versierten Betrachtern den Zugang zur Raumbildtechnik ermöglichte. Dies war wichtig, da solche Alben häufig in Schulen, öffentlichen Einrichtungen und Privathaushalten zur “Volksbildung” eingesetzt wurden.
Das Jahr 1938 war ein Wendepunkt in der NS-Politik. Nach dem Anschluss Österreichs und vor der Sudetenkrise und der Besetzung des Sudetenlandes im Herbst 1938 befand sich das Regime auf dem Höhepunkt seiner territorialen Expansion vor dem Zweiten Weltkrieg. Publikationen wie dieses Raumbildalbum dienten dazu, die neu gewonnenen Gebiete in das propagandistische Narrativ des “wiedervereinten” deutschen Volkes einzubinden.
Aus heutiger Sicht sind solche Objekte wichtige historische Quellen. Sie dokumentieren nicht nur die Propagandamethoden des NS-Regimes, sondern auch den technischen Stand der Bildmedien der 1930er Jahre. Die Kombination von visueller Innovation und ideologischer Botschaft zeigt, wie moderne Kommunikationstechniken für politische Zwecke instrumentalisiert wurden – ein Muster, das sich durch die Geschichte totalitärer Regime zieht.
Sammler und Historiker schätzen solche Raumbildalben heute aus verschiedenen Gründen. Sie bieten Einblicke in die Alltagspropaganda des Dritten Reiches, dokumentieren Landschaften und Architektur der Vorkriegszeit und illustrieren die medientechnische Entwicklung. Vollständige Exemplare mit original erhaltener Brille und Gebrauchsanweisung sind dabei besonders wertvoll, da viele dieser Bestandteile über die Jahrzehnte verloren gingen.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Objekten erfordert eine kritische Distanz. Während sie als historische Dokumente unschätzbaren Wert besitzen, müssen sie stets im Kontext ihrer propagandistischen Funktion betrachtet werden. Sie sind Zeugnisse einer Zeit, in der alle Bereiche der Kultur und Kommunikation der ideologischen Gleichschaltung unterworfen waren.