Kaiserliche Marine kurze blaue Weste aus dem Besitz von Stabsingenieur Dietrich Görke

Um 1914. Elegante blaue Weste aus Waffeltuch. Komplett mit Knopfreihe mit feuervergoldeten Marineknöpfen. Innen mit weißem Futter. Hinten auf der Innenseite vom Feststellriemen das Herstelleretikett "Hermann Holstein Kiel Wilhelmshaven". Getragenes Stück in gutem Zustand. Sehr selten.
Die Weste stammt aus dem Nachlass von Stabsingenieur Dietrich Görke, den wir komplett kaufen konnten. Anbei die Fotokopie, Zeitungsausschnitt vom 90. Geburtstag von Görke, bei der er seine alte Kaiserliche Marineuniform noch einmal trägt.
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650,00

Kaiserliche Marine kurze blaue Weste aus dem Besitz von Stabsingenieur Dietrich Görke

Die vorliegende kurze blaue Weste aus der Zeit um 1914 repräsentiert ein seltenes und authentisches Kleidungsstück der Kaiserlichen Marine des Deutschen Kaiserreichs. Aus dem persönlichen Nachlass von Stabsingenieur Dietrich Görke stammend, verkörpert dieses Objekt die maritime Tradition und den Stolz der deutschen Seekriegsflotte in ihrer Blütezeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Kaiserliche Marine durchlebte zwischen 1871 und 1918 eine beispiellose Expansion. Unter der Ägide von Großadmiral Alfred von Tirpitz und mit der enthusiastischen Unterstützung Kaiser Wilhelms II. entwickelte sich die zunächst bescheidene Flotte zu einer der mächtigsten Seestreitkräfte der Welt. Die Flottengesetze von 1898 und 1900 bildeten die rechtliche Grundlage für diesen massiven Ausbau, der das Kaiserreich in direkte Konkurrenz zur britischen Royal Navy brachte.

Die Uniform- und Bekleidungsvorschriften der Kaiserlichen Marine waren streng reglementiert und spiegelten die militärische Hierarchie wider. Neben der offiziellen Ausgehuniform und der Arbeitskleidung existierte eine Vielzahl spezialisierter Kleidungsstücke für unterschiedliche Anlässe und Dienstgrade. Die hier vorliegende blaue Weste aus Waffeltuch gehörte zur gehobenen Garderobe eines Offiziers und wurde typischerweise zu besonderen Anlässen oder in der Offizierskajüte getragen.

Das verwendete Material, ein elegantes Waffeltuch, war für seine Strapazierfähigkeit und gleichzeitig angenehme Trageeigenschaften bekannt. Die charakteristische Struktur des Gewebes bot sowohl Atmungsaktivität als auch eine gewisse Wärmeisolierung – wichtige Eigenschaften für den Dienst auf See, wo die klimatischen Bedingungen oft herausfordernd waren. Die Verarbeitung mit einem weißen Innenfutter zeugt von der Qualität und dem Anspruch, den die Marineoffiziere an ihre Garderobe stellten.

Besonders bemerkenswert sind die feuervergoldeten Marineknöpfe, die nicht nur funktional, sondern auch symbolisch bedeutsam waren. Diese Knöpfe trugen typischerweise den Reichsadler oder den kaiserlichen Anker und waren ein eindeutiges Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zur Kaiserlichen Marine. Die Feuervergoldung war ein aufwendiges Verfahren, das die Langlebigkeit und den repräsentativen Charakter dieser Uniformteile gewährleistete.

Das Herstelleretikett “Hermann Holstein Kiel Wilhelmshaven” verweist auf die bedeutenden Marinestützpunkte der Kaiserlichen Marine. Kiel war seit 1865 Reichskriegshafen und entwickelte sich zum wichtigsten Stützpunkt der Ostseeflotte. Wilhelmshaven, 1869 gegründet und nach Kaiser Wilhelm I. benannt, wurde zum Hauptkriegshafen der Nordseeflotte. Die Präsenz spezialisierter Uniformschneider in diesen Städten unterstreicht deren zentrale Bedeutung für die Marine. Diese Handwerksbetriebe belieferten Offiziere mit maßgeschneiderten Uniformteilen, die den strengen Vorschriften entsprachen und gleichzeitig individuellen Ansprüchen genügten.

Der Rang eines Stabsingenieurs war innerhalb der Kaiserlichen Marine von besonderer Bedeutung. Mit der zunehmenden Technisierung der Flotte – dem Übergang von Segel- zu Dampfschiffen und später zu hochkomplexen Dreadnought-Schlachtschiffen – gewannen die Ingenieuroffiziere erheblich an Bedeutung. Sie waren verantwortlich für den technischen Betrieb, die Wartung der Maschinenanlagen, die Energieversorgung und oft auch für innovative technische Lösungen an Bord. Der Stabsingenieur rangierte im Offizierskorps gleichberechtigt neben den seefahrenden Offizieren, auch wenn traditionelle Hierarchien manchmal noch nachwirkten.

Die Zeit um 1914 markiert den Höhepunkt und gleichzeitig den Wendepunkt in der Geschichte der Kaiserlichen Marine. Die Flotte hatte ihre maximale Stärke erreicht, mit modernen Schlachtschiffen, Kreuzern und U-Booten. Doch der beginnende Erste Weltkrieg sollte die Erwartungen, die in diese kostspielige Aufrüstung gesetzt worden waren, enttäuschen. Die große Entscheidungsschlacht gegen die Royal Navy blieb aus – stattdessen kam es zur Skagerrakschlacht 1916, die taktisch unentschieden endete, strategisch aber den Status quo beließ.

Die Bedeutung persönlicher Nachlässe wie jener von Dietrich Görke kann kaum überschätzt werden. Während offizielle Uniformen und Ausrüstungsgegenstände in musealen Sammlungen relativ häufig vertreten sind, bieten persönliche Kleidungsstücke wie diese Weste einen intimeren Einblick in das Leben der Marineoffiziere. Sie waren nicht nur Militärangehörige, sondern auch Individuen mit eigenem Stil und eigenen Geschichten. Die Tatsache, dass Görke seine alte Uniform noch zu seinem 90. Geburtstag trug, spricht für die tiefe emotionale Bindung, die viele Veteranen zu ihrer Dienstzeit empfanden.

Solche Objekte sind heute von erheblichem historischem und sammlerischem Wert. Sie dokumentieren nicht nur Uniformkunde und Textilgeschichte, sondern auch die sozialgeschichtlichen Aspekte des Militärwesens, die Entwicklung der Marineorganisation und die technische Revolution in der Seekriegsführung. Die Seltenheit dieses Stücks ergibt sich sowohl aus dem natürlichen Verschleiß und Verlust über mehr als ein Jahrhundert als auch aus der historischen Zäsur von 1918, als mit dem Ende des Kaiserreichs auch die Kaiserliche Marine aufgelöst wurde und ihre Uniformen ihre offizielle Funktion verloren.