Lineol - Heer Rekrut im Stechschritt, Augen rechts

7,5 cm, in heller Drillichuniform, Zustand 2.
391398
80,00

Lineol - Heer Rekrut im Stechschritt, Augen rechts

Die Lineol-Figur eines Heer-Rekruten im Stechschritt mit “Augen rechts” in heller Drillichuniform stellt ein faszinierendes Zeugnis der deutschen Spielzeugherstellung der 1930er und frühen 1940er Jahre dar. Diese 7,5 cm große Massefigur verkörpert nicht nur handwerkliche Qualität, sondern spiegelt auch die militärische Ausbildungspraxis und Uniformkunde der damaligen Wehrmacht wider.

Die Firma Lineol wurde 1906 von Oskar Wiederholt in Brandenburg an der Havel gegründet und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Hersteller von Massefiguren. Der Name “Lineol” setzte sich aus den Worten “Linie” und “Ol” (von Oskar) zusammen. Anders als die älteren Zinnsoldaten fertigte Lineol seine Figuren aus einer speziellen Masse auf Kaseinbasis, die mit Sägemehl, Kreide und anderen Füllstoffen versetzt wurde. Diese Herstellungstechnik ermöglichte eine kostengünstigere Produktion und detailliertere Darstellungen als bei gegossenen Bleifiguren.

Die dargestellte Drillichuniform war im deutschen Heer eine leichte Arbeits- und Ausbildungsuniform, die besonders im Sommer und bei Exerzierübungen getragen wurde. Der Begriff “Drillich” leitet sich vom lateinischen “trilix” (dreidrähtig) ab und bezeichnet ein robustes, köperbindiges Baumwollgewebe. Die helle Färbung, meist in Naturtönen oder hellem Khaki, diente der praktischen Anwendung bei heißem Wetter und schonte die teureren Felddienstuniformen.

Der Stechschritt, den die Figur ausführt, war ein charakteristisches Element der preußisch-deutschen Militärtradition. Diese Marschform, bei der das Bein gestreckt und der Fuß etwa 75 cm über dem Boden nach vorn geworfen wird, wurde bei Paraden und feierlichen Anlässen verwendet. Die Kommandierung “Augen rechts” gehörte zum militärischen Zeremoniell beim Vorbeimarsch an Vorgesetzten oder bei der Ehrung von Standarten und Fahnen. Dabei drehten die Soldaten ihre Köpfe um 90 Grad nach rechts, während sie im Gleichschritt weiter marschierten.

Die militärische Ausbildung in der Wehrmacht der 1930er Jahre folgte strengen Regeln, die in der Heeresdienstvorschrift (H.Dv.) festgelegt waren. Die Rekrutenausbildung umfasste typischerweise 16 Wochen Grundausbildung, in der Drill, Gefechtsausbildung und politische Schulung kombiniert wurden. Der Exerzierdienst, zu dem auch das Erlernen des Stechschritts gehörte, sollte nicht nur militärische Präzision vermitteln, sondern auch Gehorsam und Disziplin einüben.

Lineol produzierte ab den frühen 1930er Jahren verstärkt Figuren der Wehrmacht in verschiedenen Uniformen und Posen. Die Figuren wurden einzeln oder in Sets verkauft und erfreuten sich großer Beliebtheit bei Kindern und Sammlern. Die detailgetreue Darstellung von Uniformen, Ausrüstung und militärischen Bewegungsabläufen machte die Lineol-Figuren zu begehrten Sammelobjekten. Die Firma beschäftigte zeitweise über 400 Mitarbeiter und exportierte ihre Produkte weltweit.

Die Herstellung solcher Militärspielzeuge stand im Kontext der Zeit, in der militärische Erziehung und Vorbereitung auf den Wehrdienst gesellschaftlich akzeptiert und gefördert wurden. Spielzeughersteller wie Lineol, aber auch Konkurrenzen wie Elastolin (Hausser), produzierten umfangreiche Sortimente militärischer Figuren, die das zeitgenössische Heer, die Marine und die Luftwaffe darstellten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion zunächst eingestellt. Das Werk in Brandenburg lag in der sowjetischen Besatzungszone und wurde demontiert. Lineol-Figuren aus der Vorkriegs- und Kriegszeit sind heute begehrte Sammlerstücke, wobei der Erhaltungszustand entscheidend für den Wert ist. Zustand 2 in der Sammlerterminologie bezeichnet einen sehr guten Erhaltungszustand mit nur geringfügigen Gebrauchsspuren, was bei Massefiguren, die zum Spielen gedacht waren, bemerkenswert ist.

Aus heutiger militärhistorischer Perspektive bieten solche Spielzeugfiguren wertvolle Einblicke in die Uniformkunde, militärische Ausbildungspraktiken und die gesellschaftliche Militarisierung der 1930er Jahre. Sie dokumentieren nicht nur die handwerkliche Kunst der Spielzeugherstellung, sondern auch die visuelle Kultur und Ikonographie des Militärwesens dieser Epoche.

r