III. Reich - Rheinisches Landesturnfest Bad Aachen 1934
Das Rheinische Landesturnfest von 1934 in Bad Aachen stellt ein bedeutendes Beispiel für die Vereinnahmung der deutschen Turnbewegung durch das nationalsozialistische Regime dar. Das vorliegende Blechabzeichen, hergestellt von der Firma Calles aus Aachen, dokumentiert diese historische Entwicklung eindrucksvoll.
Die deutsche Turnbewegung hatte ihre Wurzeln in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, als Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) das Turnen als Mittel zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung der deutschen Jugend propagierte. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten sich Turn- und Sportvereine zu wichtigen gesellschaftlichen Institutionen, die häufig mit demokratischen und liberalen Idealen verbunden waren.
Nach der Machtergreifung 1933 begann das NS-Regime systematisch, alle gesellschaftlichen Bereiche zu kontrollieren und gleichzuschalten. Die Turnbewegung war davon nicht ausgenommen. Im Zuge der Gleichschaltung wurden die traditionell autonomen Turnvereine in die nationalsozialistischen Organisationsstrukturen eingegliedert. Der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen wurde zum zentralen Organ der staatlich gelenkten Körperertüchtigung.
Das Landesturnfest in Bad Aachen 1934 fand zu einem Zeitpunkt statt, als diese Transformation bereits weitgehend vollzogen war. Solche Großveranstaltungen dienten mehreren Zielen des Regimes: Sie sollten den Zusammenhalt der “Volksgemeinschaft” demonstrieren, die körperliche Fitness der Bevölkerung fördern (auch im Hinblick auf militärische Vorbereitung) und die Macht des neuen Staates zur Schau stellen.
Das Blechabzeichen selbst ist ein typisches Beispiel für die Erinnerungskultur jener Zeit. Solche Abzeichen wurden in großer Zahl hergestellt und an Teilnehmer, Organisatoren und Besucher ausgegeben. Sie dienten als Andenken und Identifikationssymbol. Die Herstellung durch die Firma Calles, ein lokales Aachener Unternehmen, zeigt die Einbindung regionaler Wirtschaftsbetriebe in die Produktion solcher Memorabilia.
Die technische Ausführung als Blechabzeichen war für die Zeit charakteristisch. Diese Herstellungsmethode erlaubte eine kostengünstige Massenproduktion bei gleichzeitig ansprechender Gestaltung. Die Befestigung mittels Nadel war Standard für Veranstaltungsabzeichen und ermöglichte das Tragen an Kleidung oder Uniformen.
Bad Aachen (heute Burtscheid, ein Stadtteil von Aachen) war als Austragungsort bedeutsam. Die Region hatte eine lange Tradition in der Turnbewegung, und Aachen selbst war als Krönungsstadt der deutschen Könige und Kaiser symbolisch aufgeladen. Die Wahl des Ortes unterstrich den Anspruch des Regimes auf historische Kontinuität.
Die Bezeichnung “III. Reich” auf dem Abzeichen ist bezeichnend für die NS-Propaganda, die das eigene Regime als Fortsetzung des Heiligen Römischen Reiches und des Deutschen Kaiserreichs darstellte. Diese Geschichtskonstruktion sollte Legitimität verleihen.
Im weiteren historischen Kontext muss beachtet werden, dass Sport und Körperertüchtigung im Nationalsozialismus nicht nur der Gesundheitsförderung dienten, sondern integraler Bestandteil der Erziehung zur “Wehrhaftigkeit” waren. Die systematische körperliche Ausbildung der Bevölkerung war Teil der Vorbereitung auf den geplanten Krieg.
Für Sammler und Historiker sind solche Abzeichen wichtige Quellen zur Erforschung der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus. Sie dokumentieren, wie das Regime durch die Durchdringung aller Lebensbereiche - einschließlich Sport und Freizeit - seine Herrschaft festigte. Der Zustand 2 (sehr gut) deutet darauf hin, dass das Stück über die Jahrzehnte sorgfältig aufbewahrt wurde.
Heute werden solche Objekte in Museen und Sammlungen als Zeugnisse einer dunklen Zeit der deutschen Geschichte bewahrt. Sie dienen der Aufklärung und Mahnung, nicht der Verherrlichung. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Artefakten trägt zum Verständnis bei, wie totalitäre Systeme funktionieren und wie sie alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens für ihre Zwecke instrumentalisieren.