Reichsnährstand "5.Reichsnährstands-Ausstellung Leipzig 1939"
Die hier beschriebene Siegermedaille der 5. Reichsnährstand-Ausstellung Leipzig 1939 repräsentiert ein faszinierendes Zeugnis der nationalsozialistischen Agrarpolitik und der institutionalisierten Propaganda im Dritten Reich. Diese Auszeichnung, verliehen für Emmentaler Käse, steht exemplarisch für die umfassende Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch das NS-Regime, einschließlich der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion.
Der Reichsnährstand wurde am 13. September 1933 durch das Reichsnährstandsgesetz geschaffen und war eine Zwangsorganisation, die alle in der Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und -verteilung tätigen Personen und Betriebe unter staatlicher Kontrolle vereinte. Unter der Leitung von Richard Walther Darré, der gleichzeitig Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft war, sollte der Reichsnährstand die nationalsozialistische Ideologie der Blut-und-Boden-Politik umsetzen. Diese Organisation umfasste am Ende mehrere Millionen Mitglieder und kontrollierte jeden Aspekt der landwirtschaftlichen Produktion und Vermarktung.
Die Reichsnährstand-Ausstellungen waren regelmäßige Großveranstaltungen, die der Präsentation landwirtschaftlicher Erzeugnisse, der Leistungsschau deutscher Bauern und der Propagierung der NS-Agrarpolitik dienten. Die Ausstellung in Leipzig 1939 fand in einem politisch hochbrisanten Jahr statt, nur wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Leipzig als traditionsreicher Messestandort bot die ideale Kulisse für solche Großveranstaltungen, die sowohl nationale als auch internationale Aufmerksamkeit erregten.
Die hier beschriebene Medaille aus Feinzink mit Versilberung, 60 mm im Durchmesser, entspricht den typischen Herstellungsstandards der Zeit. Aufgrund der zunehmenden Rohstoffknappheit im Vorfeld des Krieges wurden Edelmetalle wie reines Silber zunehmend für militärische Zwecke reserviert. Stattdessen kam versilbertes Zink zum Einsatz, was praktische und wirtschaftliche Gründe hatte. Die Versilberung verlieh den Medaillen dennoch ein würdiges Aussehen und unterstrich die offizielle Bedeutung der Auszeichnung.
Das schwarze Verleihungsetui mit silbernem Aufdruck und die luxuriöse Innenausstattung mit Seidenfutter und Samteinlage zeigen die Wertschätzung, die das Regime solchen Auszeichnungen beimaß. Diese aufwendige Präsentation sollte den Stolz der Empfänger stärken und die Bedeutung ihrer Leistungen für die Volksgemeinschaft unterstreichen. Jede Auszeichnung war Teil eines umfassenden Systems von Anreizen und Ehrungen, das die Produktivität steigern und die Loyalität zum Regime festigen sollte.
Die Prämierung von Emmentaler Käse ist besonders interessant, da sie die Bedeutung der Milchwirtschaft und der Käseproduktion im nationalsozialistischen Autarkiebestreben verdeutlicht. Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln war ein zentrales Ziel der NS-Wirtschaftspolitik, besonders im Hinblick auf die geplante Kriegsführung. Hochwertige Käsesorten wie Emmentaler waren nicht nur für die zivile Versorgung wichtig, sondern galten auch als wertvolles, lagerfähiges Protein für militärische Zwecke.
Die Ausstellungen des Reichsnährstandes waren sorgfältig choreographierte Veranstaltungen, die weit über einfache Produktschauen hinausgingen. Sie umfassten Demonstrationen moderner Landwirtschaftstechnik, Vorträge über “rassische” Züchtungslehre und die Präsentation des idealisierten deutschen Bauerntums. Die Prämierung von Produkten folgte strengen Bewertungskriterien, die von Fachkommissionen festgelegt wurden.
Der historische Kontext der 5. Reichsnährstand-Ausstellung 1939 ist untrennbar mit der Kriegsvorbereitung verbunden. Im März 1939 hatte Deutschland die Rest-Tschechei besetzt, im August würde der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen und am 1. September der Überfall auf Polen erfolgen. Die Ausstellung diente auch dazu, der Bevölkerung Vertrauen in die Versorgungssicherheit zu vermitteln und die landwirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Reiches zu demonstrieren.
Heute sind solche Objekte wichtige historische Quellen für die Erforschung der NS-Zeit. Sie dokumentieren die totale Durchdringung des Alltags durch die nationalsozialistische Ideologie und zeigen, wie selbst scheinbar unpolitische Bereiche wie die Käseherstellung in das Propagandasystem eingebunden wurden. Der Erhaltungszustand mit verblichener Versilberung ist typisch für diese Materialien und beeinträchtigt nicht den dokumentarischen Wert dieser historischen Zeugnisse.