Die vorliegende weiße Drillichhose repräsentiert ein wichtiges, wenn auch oft übersehenes Element der militärischen Ausrüstung des Deutschen Kaiserreichs während des Ersten Weltkriegs. Als Arbeitskleidung für Mannschaften des 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiments Nr. 138 gefertigt, verkörpert dieses Kleidungsstück die praktischen Aspekte des militärischen Alltags jenseits der Paradeuniform.
Das Infanterie-Regiment Nr. 138 wurde am 1. Oktober 1897 in Colmar als Teil der Reichsland-Formationen aufgestellt. Die Bezeichnung “Unter-Elsässisch” verwies auf seine Rekrutierungsbasis im Unterelsass, jenem Teil des 1871 annektierten Elsass-Lothringen, der zur preußischen Militärverwaltung gehörte. Das Regiment unterstand zunächst dem XV. Armeekorps mit Sitz in Straßburg, wurde jedoch 1912 im Zuge einer Reorganisation dem neu aufgestellten XXI. Armeekorps in Saarbrücken zugeteilt.
Die Drillichuniform hatte in der preußischen und deutschen Armee eine lange Tradition. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde erkannt, dass die regulären Uniformen für Arbeits- und Übungsdienste unpraktisch und verschleißanfällig waren. Drillich, ein robustes, dicht gewebtes Baumwollgewebe, erwies sich als ideales Material für Arbeitskleidung. Die weiße Farbe war besonders für Sommer und Kasernendienste gebräulich, da sie die Hitze weniger absorbierte als dunklere Stoffe.
Der Kammerstempel “B.A. XV 1915 - I.R.138” auf der Innenseite der Hose liefert wichtige Informationen über Herkunft und Verwaltung des Stücks. Die Abkürzung “B.A.” steht für Bekleidungsamt, jene militärische Einrichtung, die für die Beschaffung, Lagerung und Ausgabe von Uniformen und Ausrüstung zuständig war. Die römische Zahl “XV” verweist auf das XV. Armeekorps, in dessen Zuständigkeitsbereich die Hose ursprünglich beschafft wurde. Die Jahreszahl 1915 markiert das Herstellungs- oder Ausgabejahr.
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Hose 1915 aus Beständen des XV. Armeekorps an das XXI. Armeekorps abgegeben wurde. Dies spiegelt die logistischen Herausforderungen des Ersten Weltkriegs wider, als Materialien und Ausrüstung zwischen verschiedenen Einheiten umverteilt werden mussten, um Versorgungsengpässe auszugleichen. Der Krieg führte zu enormen Belastungen der Produktionskapazitäten, und die Verwaltung vorhandener Bestände gewann zunehmend an Bedeutung.
Die technischen Details der Hose entsprechen den damaligen Standardvorgaben. Die Uhrentasche war ein typisches Merkmal militärischer Hosen dieser Periode, da Taschenuhren zum persönlichen Besitz vieler Soldaten gehörten. Die verzinkten Knöpfe waren eine praktische Lösung: Sie waren korrosionsbeständig, kostengünstig in der Herstellung und erfüllten ihren Zweck ohne unnötigen Aufwand. Im Gegensatz zu den Messingknöpfen der Paradeuniform waren sie rein funktional.
Der Friedensstandort Dieuze (deutsch: Düß) lag im lothringischen Teil des Reichslandes. Die Stadt gehörte zu den Garnisonsorten der Region und beherbergte verschiedene militärische Einrichtungen. Die Erwähnung als “Kammerstück” deutet darauf hin, dass die Hose aus den Kammer- oder Magazinbeständen der Kaserne stammte und nicht persönliches Eigentum eines einzelnen Soldaten war.
Das Jahr 1915 war für das IR 138 von intensiven Kampfhandlungen geprägt. Das Regiment war an der Westfront eingesetzt und nahm an verschiedenen Operationen teil. Während Arbeitskleidung wie diese Drillichhose nicht an der Front getragen wurde, war sie unverzichtbar für den Dienst in der Etappe, bei Ausbildungseinheiten und in den Heimatgarnisonen. Soldaten, die zur Erholung oder Umschulung von der Front abgezogen wurden, trugen solche Arbeitsuniformen bei Instandsetzungsarbeiten, Wachdiensten und anderen Tätigkeiten.
Die Erhaltung solcher alltäglicher Militaria ist bedeutsam für das historische Verständnis. Während Paradeuniformen und Auszeichnungen häufiger aufbewahrt wurden, sind Arbeitsuniformen selten erhalten geblieben. Sie wurden intensiv genutzt, verschlissen und meist entsorgt. Ein gut erhaltenes Exemplar wie dieses bietet daher wertvolle Einblicke in den militärischen Alltag, der weit weniger glamourös war als offizielle Darstellungen suggerieren.
Die Geschichte dieser Hose reflektiert auch die komplexe Identität der elsass-lothringischen Regimenter im Deutschen Kaiserreich. Diese Einheiten rekrutierten sich aus einer Bevölkerung, die erst eine Generation zuvor französisch gewesen war. Die Soldaten des IR 138 dienten in einer preußisch geprägten Armee, stammten aber aus einer Region mit eigener kultureller Identität. Diese Spannung prägte die Geschichte des Reichslandes bis 1918.