Marine-HJ kleiner Nachlass eines MHJ-Scharführers aus Wien, Bann 509

HJ Gebietsdreieck "Südost Wien", Ärmelabzeichen Reichssportabzeichen B mit 2 Winkeln, 2-teilig, Fangschnur für Scharführer mit aufgelegtem Anker und Marineknopf zum befestigen am Matrosenhemd, Mützenedelweiß und ein umgebautes HJ-Schießabzeichen (ohne die Zielscheibe). Alle Teile getragen, direkt aus einem Privathaushalt.
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Marine-HJ kleiner Nachlass eines MHJ-Scharführers aus Wien, Bann 509

Dieser Nachlass eines Marine-Hitlerjugend (MHJ) Scharführers aus Wien repräsentiert eine seltene Zusammenstellung von Abzeichen und Ausrüstungsgegenständen, die Einblick in die Organisation und Struktur der spezialisierten Marineeinheiten der Hitlerjugend während des Dritten Reiches geben.

Die Marine-Hitlerjugend wurde 1937 als spezialisierte Gliederung innerhalb der HJ gegründet, um Jugendliche für den späteren Dienst in der Kriegsmarine vorzubereiten. Die Organisation war Teil der umfassenden vormilitärischen Ausbildung, die das NS-Regime systematisch aufbaute. Jungen ab 10 Jahren konnten dem Deutschen Jungvolk beitreten, ab 14 Jahren dann der eigentlichen Hitlerjugend, wobei maritime Sondereinheiten in Küstenregionen und größeren Städten mit Wasserzugang etabliert wurden.

Das HJ Gebietsdreieck “Südost Wien” ist besonders bemerkenswert, da Wien als Binnenstadt eine eigene Marine-HJ-Einheit unterhielt. Der Bann 509 war eine der administrativen Untergliederungen des HJ-Gebiets Wien. Die Gebietsorganisation der HJ wurde 1933 eingeführt und mehrfach reorganisiert. Wien als Hauptstadt der Ostmark (wie Österreich nach dem Anschluss 1938 genannt wurde) erhielt eine besondere Bedeutung in der Organisationsstruktur. Das Gebietsdreieck wurde auf der rechten Brustseite der Uniform getragen und diente der regionalen Identifikation.

Das Ärmelabzeichen für das Reichssportabzeichen in Bronze mit zwei Leistungswinkeln dokumentiert die sportliche Ertüchtigung des Trägers. Das Reichssportabzeichen wurde 1937 in seiner NS-Form neu gestaltet und war ein wichtiger Bestandteil der körperlichen Ausbildung. Die Winkel über dem Abzeichen zeigten wiederholte Verleihungen an - jeder Winkel stand für eine weitere erfolgreiche Ablegung der Prüfung. Die zweiteilige Ausführung war typisch für die textile Version, die auf der Uniform aufgenäht wurde.

Die Fangschnur für Scharführer mit aufgelegtem Anker und Marineknopf ist ein charakteristisches Erkennungszeichen der Marine-HJ. Der Rang des Scharführers entsprach etwa einem Unteroffizier und bedeutete die Führung einer Schar von üblicherweise 8-15 Jungen. Die Fangschnur wurde an der Matrosenuniform befestigt, die sich stark an der Uniform der Kriegsmarine orientierte. Der Anker als Symbol verwies auf die maritime Ausrichtung der Einheit. Marineeinheiten der HJ trugen häufig Matrosenhemden mit entsprechenden Kragenspiegel und anderen Rangabzeichen.

Das Mützenedelweiß ist ein besonders interessantes Element. Das Edelweiß wurde traditionell von Gebirgsjägern getragen, fand aber auch in bestimmten HJ-Formationen Verwendung, besonders in österreichischen Einheiten nach 1938. Die Verbindung alpiner Traditionen mit der Marine-HJ in Wien spiegelt die komplexe Identität der österreichischen Jugendorganisationen nach dem Anschluss wider.

Das umgebaute HJ-Schießabzeichen ohne Zielscheibe ist ungewöhnlich. Reguläre HJ-Schießabzeichen zeigten eine Zielscheibe und wurden in verschiedenen Stufen (Bronze, Silber) verliehen. Die vormilitärische Schießausbildung war ein zentraler Bestandteil der HJ-Erziehung, besonders ab 1938. Der Umbau könnte auf Materialknappheit in den späten Kriegsjahren oder persönliche Modifikation zurückzuführen sein.

Die Wiener Marine-HJ hatte eine besondere Stellung. Obwohl Wien keinen Meereszugang besitzt, nutzte die Organisation die Donau und andere Gewässer für Ausbildungszwecke. Die MHJ führte Segeltraining, Ruderübungen und theoretische Navigation durch. Ab 1943, als der Kriegsverlauf zunehmend kritisch wurde, erhielt die vormilitärische Ausbildung verstärkte Bedeutung. Viele HJ-Mitglieder wurden schließlich als Flakhelfer oder in anderen militärischen Hilfsfunktionen eingesetzt.

Der Erhaltungszustand “getragen” und die direkte Herkunft aus einem Privathaushalt verleihen diesem Ensemble besondere historische Authentizität. Solche Nachlässe dokumentieren individuelle Biografien innerhalb des Systems der Hitlerjugend und sind wichtige Quellen für die Erforschung der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus. Die Kombination verschiedener Rangabzeichen, Auszeichnungen und regionaler Kennzeichnungen ergibt ein differenziertes Bild der organisatorischen Komplexität der HJ.

Aus heutiger Sicht sind solche Objekte wichtige Zeugnisse einer dunklen Epoche deutscher und österreichischer Geschichte. Sie dokumentieren die systematische Indoktrination und Militarisierung der Jugend im Dritten Reich und mahnen zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit.

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